Wilhelmshaven Von 1968 bis 1970 grassierte die so genannte „Hongkong-Grippe“ – auch in Wilhelmshaven. In Deutschland gab es im Winter 1969/1970 die schwersten Ausbrüche. Weltweit starben zwischen einer und zwei Millionen Menschen, in Deutschland wurde eine „Übersterblichkeit“ von 40.000 Menschen registriert. Das heißt: Es starben 40 000 Menschen mehr als ohne die Influenza-Pandemie zu erwarten gewesen wären.

Es ist sicherlich fraglich, ob man die heutige Corona-Pandemie mit der damaligen Grippewelle vergleichen kann. Aber: Hongkong-Grippe? Daran erinnert sich heute kaum noch jemand. Selbst ältere Bürger nicht. Der Grund: Besonders intensive staatliche Pandemie-Abwehrpläne hat es vermutlich nicht gegeben.

Die “Wilhelmshavener Zeitung“ berichtet im Dezember 1969 eher beiläufig auf Seite 5, dass die Wilhelmshavener Verkehrsbetriebe alle Linienbusse desinfiziert hätten, um die Ansteckungsgefahr zu verringern. Zusätzlich würde dem Reinigungsmittel für die tägliche Säuberung ein Desinfektionsmittel beigemischt. Das war’s. Kontaktsperre? Mundschutz? Abstandsgebot? Keine Spur. Allerdings: Bis zum Tag der Veröffentlichung des Berichtes war beim Wilhelmshavener Gesundheitsamt auch keine einzige Viruserkrankung bekannt. Inwieweit man seinerzeit potenziell Betroffene darauf getestet hat, ist unklar.

Entsprechend finden sich in den Archiven der Stadt auch keine Einträge zur „Hongkong-Grippe“. Stadtsprecherin Julia Muth: „Fehlanzeige. Weder bei den Stadtwerken, noch im Gesundheitsamt haben wir Unterlagen finden können.“ Auch für die damaligen Fachausschüsse des Rates der Stadt war die Pandemie offenbar kein Thema. Jedenfalls finden sich nach Auskunft der Leiterin des Stadtarchivs, Dr. Wiebke Janssen, in den Niederschriften der entsprechenden Sitzungen keine Hinweise.

Allemal spannend ist die Frage, was gewesen wäre wenn. Der hat sich kürzlich der Autor David Schalko in der „Welt“ genähert. „Hätten wir damals aber einen weltweiten Shutdown veranstaltet, hätte es vermutlich die ganze 68er-Bewegung nie gegeben.“

Gerd AbeldtChefredakteur

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