Wilhelmshaven Sie wählt das Geld. Da liegt er, auf Kissen gebettet: der Leichnam ihrer Tochter. Grausam gestorben ist sie. Erschossen. Ihr Mörder: Der Krieg. Die Augenblicke, denen Mutter Courage sich diesem Anblick widmet: Wenige. Wenn das hier sie gerade umhaut, bis ins Mark erschüttert, sie lässt es sich nicht anmerken. Das Angebot der Bauern, man könne sich um die Beerdigung kümmern, nimmt Mutter Courage an. Das Finanzielle werde sie begleichen. Ja, auch hier geht es wieder nur ums Geld. Dann zieht sie weiter mit dem Krieg. Denn das ist lukrativ.

Sascha Bunges Inszenierung von Bertolt Brechts 1939 geschriebenem Klassiker „Mutter Courage und ihre Kinder“, die am Samstagabend Premiere im Stadttheater feierte, war keine leichte Kost. Nah an Brechts Vorlage, hält sich das Stück abgesehen von Streichungen treu an das Ursprungdrama, inklusive Brechts leicht moralisierender Manier und der Verhandlung der Frage: Was passiert, wenn wir mit dem Krieg Profit machen? Obgleich Bunge im Vorfeld Abstand davon nahm, mit dem Stück eine Handlungsanweisung geben zu wollen, gab der Theaterabend auf diese Frage doch eine klare Antwort: Nichts Gutes.

Im Jahr 1624 zieht Mutter Courage (Ramona Marx) mit ihren drei erwachsenen Kindern, den Söhnen Eilif (Jan-Eric Meier) und Schweizerkas (Viktor Rabl) und ihrer stummen Tochter Kattrin (Mona Georgia Müller) dem Krieg nach. Der Dreißigjährige Krieg wütet in Europa, fordert seine Opfer, bringt Gewalt und Tod mit sich. Das ist auf der Bühne eindrucksvoll präsent.

Als Marketenderin treibt Mutter Courage Handel mit ihrem Planwagen, folgt den Heeren durch Polen, Bayern, Italien. Nichts fürchtet sie mehr als den Frieden – und verliert dabei aus den Augen, dass doch der Krieg es ist, der ihr letztlich alles raubt: Beide Söhne werden erschossen, die Tochter opfert als Heldin ihr Leben, ihre große Liebe verliert sie an den Feind.

Musik ist der heimliche Star

Heimlicher Star dieses Abends ist die Musik. Als musikalischer Leiter nahm Stefan Faupel sich der Aufgabe an, die anspruchsvollen Werke Paul Dessaus auf die Bühne zu bringen, der die Musik eigens für „Mutter Courage und ihre Kinder“ schuf. Musikalisch sind diese teils atonalen, zerhackten, fast avantgardistisch anmutenden Kompositionen eine Herausforderung für Sänger und Instrumentalisten – eine, die Schauspieler und Musiker eindrucksvoll gemeistert haben.

Ebenso gewaltig kommt das Bühnenbild daher. Die Kostüme stammen von Ausstatterin Christine Bertl, die mit Regisseur und Oberspielleiter Sascha Bunge die Bühne entworfen hat. Der Bühnenraum zitiert Schützengraben, Lager, die nomadische Situation des Krieges. Mit ihren schillernden, fragmentierten Garderoben erscheinen Mutter und Kinder fast ein bisschen wie ein Wanderzirkus. Insofern bietet die Inszenierung neben der imposanten Tonspur auch was fürs Auge.

Das Ensemble überzeugt mit starken schauspielerischen Leistungen, wobei zwei fulminante Frauenfiguren besonders hervorzuheben sind. Ramona Marx glänzt als expressiv kraftvolle Mutter Courage, die wahrscheinlich kein schlechter Mensch ist, ihre Menschlichkeit aber, wenn sie denn da ist, selten preisgibt. Umwerfend großartig spielt Mona Georgia Müller die stumme Tochter Kattrin, überzeugt mit Präsenz und Emotion und bleibt auch nach Ende dieses Theaterstücks im Gedächtnis des Zuschauers.

Dass das Theaterstück am Ende vielleicht mehr Fragen aufwirft, als sie zu beantworten, dass Bezüge zu Heute im Vagen verbleiben, das Stück aber trotzdem als Parabel zur Gegenwart verstanden werden kann, ist eine Stärke dieser Inszenierung. An dessen Ende nur zu sagen bleibt, was der Zuschauer schon zuvor so oft gehört hat: „Das Frühjahr kommt. Wach auf, du Christ! Der Schnee schmilzt weg. Die Toten ruhn. Und was noch nicht gestorben ist, das macht sich auf die Socken nun.“

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Die nächsten Termine im Stadttheater, Virchowstraße 44, sind: Dienstag, 11. Februar, Montag, 17. Februar, und Mittwoch, 26. Februar, jeweils um 20 Uhr.

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