Wilhelmshaven /Jever Im Zuge der Corona-Krise mussten viele Ladenbesitzer schließen – mit teils sehr bitteren Folgen. „Ich beschäftige normalerweise sieben Mitarbeiter plus Reinigungskraft. Ich musste allen kündigen“, sagt Fernando Cimino, Inhaber von „Fernanduo“. Seit 25 Jahren betreibt der Italiener eine Eisdiele in der Jadestadt: „So etwas habe ich noch nicht erlebt.“ Zumindest außer Haus dürfen Cimino und sein Team wieder Eis und Kaffeespezialitäten verkaufen – mit genügend Abstand und Masken.

„Man merkt, wie machtlos wir Menschen in einer solchen Situation sind“, sagt Cimino. Die Mitarbeiter und Kunden hätten Angst – „ich auch“. Normalerweise sind bei schönem Wetter Ende April viele der 60 Plätze draußen besetzt, bei Regen die 30 Plätz drinnen. Jetzt herrscht gähnende Leere. „Ich hoffe, dass in zwei Wochen alle Lokalitäten wieder öffnen können – mit weniger Tischen und Stühlen und auch Plexiglasscheiben zwischen den Tischen.“ Dann könnte er auch einen Großteil seiner Mitarbeiter wieder einstellen.

Der Versuch positiv zu bleiben

Ähnliches hofft auch Ali Kara-Ali, der mit seinem Bruder das Restaurant L’Orient betreibt. „Ich hoffe, dass es ab Mai wieder losgeht“, sagt er, „sonst kommen auch Betriebe, die gut gewirtschaftet haben – und dazu zähle ich auch unseren – an ihre Grenzen.“ Daneben bleibe die Sorge vor einer zweiten Corona-Welle und wiederholten Schließungen. „Dann wäre es wirklich das schlechteste Jahr“, sagt er.

Einen Liefer- und Abholdienst bietet das L’Orient ab heute jedes Wochenende an. „Alles andere würde sich nicht lohnen“, sagt Kara-Ali. Wer die Restaurants unterstützen möchte, könne dies über solche Angebote tun. Auch viele Gastronomen helfen einander und stehen in Kontakt. „Der Zusammenhalt ist groß“, sagt Kara-Ali. Auf gastro-wilhelmshaven.de seien zum Beispiel einige von ihnen aufgelistet.

Kara-Ali versucht die Zeit produktiv zu nutzen. Er erledige Liegengebliebenes, kleine Renovierungen oder Papierkram. Auch habe er innerhalb von zwei Wochen drei soziale Projekte mitorganisiert. „Es hat also auch was gutes, aber die laufenden Kosten gehen weiter und das stresst.“

Trotzdem möchte Ali Kara-Ali der Krise auch etwas Positives abgewinnen. „In der Gastronomie kommt die Familie häufig zu kurz. Jetzt gehen wir zum Mittagessen zu unserer Mutter.“ Schneller-höher-weiter sei nicht alles im Leben. Er möchte die Entschleunigung beibehalten und „alles entspannter angehen.“

Jetzt heißt es warten

Das Haus der Getreuen in Jever probierte es zweieinhalb Wochen mit einem „Außer-Haus-Verkauf“. Dann stellten die Inhaber, Thorsten und Corinna Füllmann, ihn ein. „Wir müssen da ehrlich zu uns sein, wenn das wirtschaftlich nichts bringt“, so Thorsten Füllmann. Von den Kunden haben sie positives Feedback bekommen. Doch das Erlebnis eines Restaurantbesuches in gemütlicher Atmosphäre kann das Team nicht an den heimischen Esstisch liefern.

Das Paar trifft die Schließung sehr, denn erst am 13. März eröffneten sie, nachdem sie es von den alten Pächtern übernommen hatten. Das war der Freitag bevor die Schulen geschlossen wurden. Braupfanne und Restaurant blieben noch geöffnet. Doch das beschreibt Füllmann mehr als „dahindümpeln“, da sie nur bis 18 Uhr öffnen durften. „Den Gästen wurde suggeriert ‚Bleibt zu Hause’.“

Trotz allem haben sie ihr Personal bisher voll beschäftigt. „Ich sehe es als Unternehmer als meine Pflicht und meine Aufgabe, Schaden von meinen Arbeitnehmern abzuhalten.“ Doch ab Mai musste er ebenfalls Kurzarbeit anmelden. Auch er hat staatliche Hilfen beantragt. Allerdings: „Der Liquiditätszuschuss ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.“ Ein Darlehen sieht er kritisch. Dann komme man jetzt „durch das Loch“, rutsche aber später möglicherweise in eine bilanzielle Überschuldung. „Wir gehen eine Gratwanderung.“ Füllmann ist auch Unternehmensberater. „Was wir brauchen, sind nicht rückzahlbare Zuschüsse.“

Er geht von einer Öffnung nach Pfingsten aus. Vorgaben und Hygienemaßnahmen sind kein Problem. Mehr Platz für jeden Tisch ist da, genauso wie Mundschutz, das Essen kann auf dem Platz gegenüber gestellt werden, der Gast zieht es dann zu sich. Die Hygienestandards waren schon vor der Krise hoch. „Das sind Kleinigkeiten, die jetzt noch gemacht werden müssen.“ Das sei planbar. Auch deswegen ist für Füllmann unverständlich, warum die Gastronomie bisher ausgeklammert wird. Er versteht nicht, wieso Baumärkte öffnen dürfen, wo die Menschen sich relativ frei durch den Laden bewegen können. „Aber einer Gruppe von vier Motorradfahrern darf ich keinen Kaffee im Garten anbieten“, sagt er, „wir kämpfen mit der Existenzangst.“

Friseure öffnen ab Montag wieder

Im Gegensatz zur Gastronomie haben Friseure inzwischen Gewissheit: Sie dürfen ab nächster Woche wieder öffnen. Dann hatten sie etwa eineinhalb Monate geschlossen. Eine haarige Angelegenheit, nicht nur für die Kunden.

Dabei gelten strenge Auflagen, teilt Julia Muth, Pressesprecherin der Stadt, mit. So muss Abstand zwischen Kunden gewährleistet und von beiden Seiten eine Mund-Nasen-Bedeckung getragen werden. Friseure müssen nach jedem Kunden ihre Hände desinfizieren und von jedem Kunden Daten sammeln sowie drei Wochen aufbewahren. Name, Kontaktdaten, wann sie den Salon betreten und verlassen – all das gehört dazu. Wer seine Daten nicht angeben möchte, darf nicht bedient werden. Kosmetische Behandlungen, wie Wimpernfärben, sind verboten.

Es ist Kreativität gefragt

Die Vorgaben führen zu Unsicherheiten bei vielen Friseuren, die sich gerade intensiv auf die nächsten Wochen vorbereiten. Doch an vieles, was sie brauchen, kommen sie aktuell nur schwerlich, berichtet Nevin Mesci-Huber, Inhaberin von Nevin’s Friseurteam. „Ich warte seit über sechs Wochen auf bestellte Ware“, sagt sie. Erst über ihre privaten Kontaktdaten habe sie eine Lieferung bekommen, allerdings auch da in abgezählter Menge, gegen Hamsterkäufe. „Wie soll ich mich da vorbereiten“, fragt sie.

Im Salon muss sie kreativ werden. Zwischen die Waschbecken hängt sie dicke Folie, zur Befestigung denke sie an Angelhaken. „Eine anständige Trennwand würde etwa 700 Euro kosten.“ Derzeit zu viel. Sie nimmt ihren Wintergarten zum Salon dazu, mischt eigenes Desinfektionsmittel und teilt ihre Mitarbeiter in Schichten ein. Nach Bedarf bietet sie Termine bis 22 oder 23 Uhr an. Die Preise müsse sie etwas anheben.

Der Andrang ist groß, die nächsten zwei Wochen fast ausgebucht. Sie und ihr Team freuen sich, dass es wieder losgeht. „Mir ist noch stärker bewusst geworden, was mir der Beruf bedeutet“, erzählt sie. Eine 91-jährige Kundin bat sie in einem Brief um Hilfe. Sie fühle sich schmuddelig. „Das tat mir in der Seele weh.“

Auch in der Krise immer ein offenes Ohr

„Tausende“ Nachrichten von Kunden erhielt auch der „Salon Gabriel“, berichtet Inhaber Gabriel Mousa. „Es ist atemberaubend zu wissen, dass sie in der schweren Zeit für uns da sind.“ Andersherum wollten auch er und sein Team weiter für alle da sein, die Rat brauchten, ob telefonisch, über Facebook oder Instagram. „Letztens rief mich eine Frau gegen 23 Uhr an, weil sie ihre Haare ‚versaut’ hatte. Ich gab ihr Tipps und beim nächsten Anruf war sie superglücklich und hat sich bedankt.“

Das Team bietet einen besonderen Lieferdienst mit Pflegeprodukten und sogar fertig gemischten Farben. Den Dienst übernahmen sie auf Bitte vieler Kollegen auch für deren Geschäfte. „In dieser Phase muss man einander helfen“, sagt Mousa.

Die Schließung war hart, berichtet Mousa. „Sonst ist der Laden non-stop voll.“ Unterstützung gab es nicht nur von Kunden, sondern auch von anderen Geschäften. Das Brautmodengeschäft „Mira Calee“ habe dem Salon genähte Masken gespendet.

Der Unternehmer musste keine Kurzarbeit anmelden. „Von meinem Papa habe ich gelernt, Geld für schlechte Zeiten zurückzulegen“, sagt er. Irgendwann wären aber auch die Reserven aufgebraucht.

Schon im Winter vorbereitet

Alexandra Erbe-Schwarzkopf steckt in ihrem Haarstudio-Nord ebenfalls in den Vorbereitungen. „Meine Hoffnung war eigentlich, dass wir schon früher wieder öffnen können. Aber da müssen wir halt durch.“ Obwohl die Regeln erst spät klar wurden, konnte sich die Friseurin mit Hilfe ihres Mannes vorbereiten. Er kennt sich von Berufs wegen mit Hygienemaßnahmen aus. So haben sie zum Beispiel bereits Einwegschürzen bestellt und genug Desinfektionsmittel vor Ort. „Das hatten wir schon für die Grippezeit im Winter organisiert.“

Nun konnten sie sich auf den Laden konzentrieren, Markierungen anbringen, Infozettel erstellen. „Zum Glück ist der Laden recht groß, da können wir ausreichend Abstand gewährleisten.“ Eine Mitarbeiterin hat Masken für Kunden genäht, falls sie keine mitbringen.

Schon direkt nachdem die Lockerungen bekannt wurden, stand das Telefon nicht mehr still. Dass ein Besuch durch die Maßnahmen etwas mehr kosten wird, schließt Erbe-Schwarzkopf nicht aus. Ihre Mitarbeiter bleiben erst einmal in Kurzarbeit.

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