Frage: Herr Pröse, „ein Journalist macht sich mit keiner Sache gemein, auch nicht mit einer guten.“ Kann diese bekannte Aussage des Journalisten Hans-Joachim Friedrichs bei einem zweifelsohne emotionalen Projekt wie „Jahrhundertzeugen“ überhaupt gültig sein?
Tim Pröse: Ich schreibe fast nur über sehr emotionale Themen. Und ich darf hochemotionale Menschen treffen. Natürlich habe ich diesen Grundsatz von Friedrichs auch gelernt als junger Journalist und er gilt sicher bis heute, wenn es etwa darum geht, einen Politiker oder einen Vorstandsvorsitzenden zu befragen.
 Wenn ich aber einen Überlebenden des Holocaust nicht nur befragen, sondern auch sein Vertrauen gewinnen möchte, wenn ich erfahren möchte, was ihn als Mensch aufrecht gehalten hat, dann muss ich ihm zuallererst auch als Mensch und dann erst als Journalist begegnen.
Und dann ist es ja so, dass alles Wissenschaftliche und Historische zu diesem Thema bereits geschrieben wurde. In meinem Buch „Jahrhundertzeugen. Die Botschaft der letzten Helden gegen Hitler“ stehen deswegen nur die Menschen im Vordergrund. Was hat sie nicht zerbrechen lassen? Was hat ihnen diesen unfassbaren Mut gegeben und diese Kraft?
Frage: 75 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz rückt Ihr 2016 erschienenes Buch wieder verstärkt in den Fokus. So veröffentlichte der „Spiegel“ einen aktualisierten Auszug aus dem Kapitel über den Auschwitz-Überlebenden Jehuda Bacon. Wie haben Sie sich seinerzeit auf das Gespräch mit ihm vorbereitet?
Pröse: Wie bei all meinen „Helden gegen Hitler“ gehe ich mit offenem Herzen und noch offenerer Seele auf diese Menschen zu. Ich zeige auch meine Bewunderung und mein Staunen. Bis heute komme ich nie aus dem Staunen heraus über so manches Schicksal eines Überlebenden. Ich war glücklich, als ich Jehuda Bacon nun für den Spiegel wieder zum Jahrestag anrief, dass es ihm mit 90 Jahren noch gut geht. Er überlebte mit 14 Jahren die Mordmaschinerie von Auschwitz, arbeitete in den Gaskammern.
Als ich ihn vor sechs Jahren in Jerusalem besuchte, konnte ich ihn dafür gewinnen, mit mir nach Yad Vashem zu fahren, der Gedenkstätte für die Shoah. Dort hängen auch seine Bilder aus Auschwitz, denn er ist ein berühmter Maler. Dieser Ausflug war wie eine Zeitreise für uns. So vieles an Schrecken begegnete ihm dort wieder, aber dann traten wir am Ende der Ausstellung hinaus auf eine Terrasse, von der der Blick über eine wunderbar biblische Landschaft ging. Und Yehuda Bacon machte mir deutlich: Es gibt dieses wunderbare Land Israel, weil es das, was wir an Leid und Grauen in der Ausstellung sahen, gegeben hat.
Frage: Die Geschichte ist sehr ergreifend, die Haltung Jehuda Bacons bewundernswert. Was hat Sie an ihm am meisten beeindruckt oder besonders berührt?
Pröse: An Jehuda Bacon fasziniert mich immer noch seine ausgestreckte Hand, die er uns Deutschen reicht. Er ist ein Versöhner und sagt: „Wenn ich die Deutschen zurückgehasst hätte, hätte Hitler doch noch gewonnen!“. Wir können alle von einem wie ihm lernen. Von seiner Zugewandtheit und Menschenliebe.
Frage: 18 Begegnungen – wohl jede für sich war eine bewegende. Ist Ihnen dennoch einer von diesen Menschen mit seiner Geschichte besonders nah gekommen?
Pröse: Ja, besonders nahe gegangen ist mir die Begegnung mit Berthold Beitz, dem einstigen Krupp-Generalbevollmächtigten. Er rettete hunderte Juden in der NS-Terror-Zeit und schwieg darüber sehr lange Zeit. Als er dann 92 Jahre alt war, gelang es mir endlich, ihn zu einem Interview zu bewegen. Und dann erzählte er mir, woher er die Kraft und den Mut nahm, die Menschen zu retten. Deswegen ist Beitz auch auf dem Titel meines Buchs „Jahrhundertzeugen“, aus dem ich in Wilhelmshaven lese.
Frage: In Auschwitz-Birkenau schrieb Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier unter anderem ins Gästebuch: „Wer den Weg in die Barbarei von Auschwitz kennt, der muss den Anfängen wehren.“ Haben Sie den Eindruck, dass unsere Gesellschaft bereit ist, um tatsächlich gegen die antisemitischen und rassistischen Anfänge aufzustehen?
Pröse: Bereit sind weite Teile unseres Landes. Aber wir müssen dafür sorgen, dass sie es auch wirklich tun. Dass die Menschen sich erheben! Mein kleiner Beitrag ist, dass ich nun etwa 130 Lesungen hinter mir habe mit den „Helden gegen Hitler“, darunter waren viele an Schulen. Die jungen Menschen sind durchaus empfänglich für die Geschichten dieser Menschen. Oft kann ich sie begeistern für Vorbilder wie Sophie Scholl, Oskar Schindler oder Graf Stauffenberg. Die Angehörigen dieser drei Helden habe ich auch treffen und porträtieren dürfen. Davon werde ich erzählen am nächsten Donnerstag.
Frage: Was können wir tun, um die Erinnerung an die Shoa und die Schuld der Deutschen an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben – ohne ständig mahnend erhobenen Zeigefinger?
Pröse: Es geht nicht darum, die Schuld weiterzugeben, sondern an die Verantwortung zu erinnern. An das Menschliche! Es geht auch nicht um den Zeigefinger, sondern um die ganze erhobene Hand! Es geht darum, deutlich Zeichen zu setzen, Hände auszustrecken, sich ganz und gar gerade zu machen gegen das Vergessen. Wir müssen die Flamme dieser mutigen Menschen, von denen ich bei Ihnen in Wilhelmshaven lese, weiterreichen!

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