Wilhelmshaven Bei Tura begann alles für Gert Schipper. Die Liebe zu seiner Ehefrau. Aber auch zum Fußball.

Zunächst aber ging erst einmal gar nichts. Denn der Lebensmittelpunkt der Familie, das Haus in der Nordseestraße in Heppens, wurde ausgebombt. Die Mutter von Gert Schipper und seine vier Brüder verschlug es für zwei Jahre in die Nähe von Bautzen. Erst mit dem Ende des zweiten Weltkriegs konnte die Familie nach Wilhelmshaven zurückkehren und bekam in F’groden eine Wohnung zugewiesen.

Der Rest ergab sich irgendwie – und klingt in der Rückschau aus dem Mund des 84-Jährigen eher unspektakulär. „Wir waren Butscher und eigentlich nach der Schule immer unterwegs.“

Fester Anlaufpunkt war aber bereits 1946 die Sporthalle in der Salzastraße. Wobei Gert Schipper den Begriff „Sporthalle“ für zu spät Geborene sicherheitshalber noch einmal definiert. „Da war Pappe in den Fenstern, Sägespäne lagen auf den Betonboden. Und wenn der Strom ausfiel – und das passierte nicht gerade selten – , dann haben wir uns zusammen mit den Betreuern Jochen Thiele und Werner Hamje-Diers, der alles für die Jugend gemacht hat, hingesetzt, einen Kreis gebildet und Lieder gesungen, bis wir wieder etwas gesehen haben.“

Das Turnen war auch für Jungen die erste sportliche Anlaufstelle

Von einer fließenden Jade und dem Langen Heinrich (also dem Schwimmkran der Marinewerft) war da die Rede – wie überhaupt von Liedern, bei denen alle kleinen und großen Turner auch die Texte kannten – aus damaliger Sicht eine Selbstverständlichkeit.

So wie die Tatsache, dass das Turnen auch für Jungen die erste sportliche Anlaufstelle war. Gert Schipper: „Es gab kein anderes Sportangebot. Deswegen ging es um Barren, Ringe oder Pferd. Ansonsten haben wir natürlich außerhalb der Halle gegen alles gekickt, was irgendwie so rund wie ein Fußball war.“

Den hätten Gegenwartskicker allerdings nicht zwingend als solchen erkannt. Denn zu einem Fußball wurde anfangs alles zusammengenäht, was nur irgendwie brauchbar erschien – und hinterließ, schön vollgesogen mit Flüssigkeit, klar deutbare Abdrücke auf der Stirn. Ähnlich abenteuerlich sahen die ersten Fußballschuhe von Gert Schipper aus. „Die Sohle bestand aus Holz, darauf wurde ein alter Schuh genagelt und die Stollen haben wir uns aus alten Autoreifen zurecht geschnitten.

Aus dem „Löwenzahn-Fußballbutscher“ wurde ein „TuRa-Knabe“

So ausgerüstet, stand dem „Fußball-Butscher“ nichts mehr im Weg. Schipper: „Auf der Wiese an der Plauenstraße haben sich alle Jungs aus F’groden getroffen. Und dann haben wir selber Fußball gespielt, den Erwachsenen zugeschaut, die bei TuRa schon im Verein gespielt haben oder für sie Kaninchenfutter gesammelt, wenn sie uns darum gebeten haben.“

Aus dem „Löwenzahn-Fußballbutscher“ wurde aber schon 1947 ein richtiger „TuRa-Knabe“. Denn die Nachwuchs-Kicker wurden auf Grund ihrer Dauerpräsenz irgendwann von Kurt Neubacher angesprochen – und in der Folge von Heinz Kuhl trainiert. Auch hier ist aber eine Einschränkung nötig. Gert Schipper: „So viel änderte sich dadurch nicht. Außer dass wir einmal in der Woche so halt offiziell Fußball gespielt haben. Und zwei Jahre später dann auf einem richtigen Platz, für den wir bis zur Einweihung Unmengen an Steinen zerschlagen haben. Schutt gab es damals ja für die Drainage genug.“

Bei den Spielen an der Plauenstraße, am Triftweg oder auf dem Jachmann-Sportplatz stand Gert Schipper auf jeden Fall im Tor – und in allen anderen Spielen danach bis zu den Alten Herren ebenfalls. Warum? Gert Schipper zuckt mit den Schultern – und dürfte auch mehr als 70 Jahre früher so reagiert haben. „Ich wurde einmal ins Tor gestellt und habe nicht widersprochen. Unglücklich war ich mit dieser Lösung allerdings auch nicht, denn ich habe den anderen lieber beim Laufen zugesehen. Allerdings war Schlacke für einen Torhüter nicht so toll. Da war bei Paraden die halbe Tapete ab. Und Schlacke im Knie dürfte heute noch bei mir zu finden sein.“

„Ich war wohl der jüngste Altherrenspieler in Wilhelmshaven“

Und Gert Schipper hat Vereinsgeschichte miterlebt. 1973 fusionierten die zuvor „verfeindeten“ Vereine TuRa und Comet zusammen mit dem TuS Eiche zum VfL Wilhelmshaven, neuer Ansprechpartner für rund 2400 Mitglieder in den Vorgänger-Klubs.

Zu diesem Zeitpunkt gehörte Gert Schipper, gelernter Maler und später bis zur Rente als „Vorhandwerker“ im Marinearsenal angestellt, nach erfolgreichen Jahren in der Amateurliga, bereits nicht mehr der ersten Mannschaft an. Und noch eine Besonderheit ergänzt die Fußball-Biografie des Torhüters. Gert Schipper: „Mit 28 Jahren habe ich als Herrenspieler aufgehört und bin, begünstigt durch eine Sonderregelung, zu den Altherren gewechselt. Eigentlich musste man dafür 33 Jahre alt sein. Deshalb war ich wohl der jüngste Altherrenspieler in Wilhelmshaven.“

Mit 49 Jahren – davon sieben als Trainer einer Jugendmannschaft zusammen mit Karl Jakubzik – war dann Schluss – zumindest mit dem aktiven Fußball. Dafür aber wurde Gert Schipper neben dem Platz umso aktiver. Zusammen mit Hans-Hermann Schirakow organisierte der VfLer unzählige Feste und Fahrten. Überbleibsel aus dieser Zeit sind die (ebenfalls sehr geselligen) VfL-Oldies, die sich heute noch einmal im Monat treffen. Allerdings ist der Kreis der rund 20 ehemaligen Fußballer sehr zum Missfallen Schippers deutlich ruhiger geworden. „Da wird nicht mal mehr Bier getrunken. Die bestellen alle Kaffee.“

Bliebe ein „Problem“. Denn eigentlich gehört Gert Schipper schon mehr als 75 Jahre dem Verein ein. Weil aber der Start der Familienmitgliedschaft (1946) nicht hinterlegt ist, sondern nur sein Eintritt 1953, wird der Heppenser im nächsten Jahr nicht für 75-jährige Mitgliedschaft geehrt. So wichtig ist das dem begeisterten Radfahrer aber nicht. „75 Jahre im Verein – ich glaube, so eine Kategorie gibt es beim VfL Wilhelmshaven gar nicht.“

Martin MünzbergerLeitung Sportredaktion

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