Spiekeroog Die Geschichte der Pferdebahn Spiekeroog reicht 140 Jahre zurück. Sie führte einst vom Inseldorf zur „Givtbude“ im Westen der Insel zum dortigen Herrenstrand. Heute ist sie die einzige Pferdebahn Europas, die noch bis zum Beginn dieses Jahres auf einem Teil der Originaltrasse fuhr und somit ein historisches Kulturgut von europaweiter Bedeutung und ein Alleinstellungsmerkmal für Spiekeroog. „Daran erfreuen sich nicht nur Insulaner, sondern jährlich um die 15 000 Fahrgäste, die Betreiber Christian Roll in dem von einem Pferd gezogenen Waggon mit der Nummer 21 in den Westen der Insel fährt“, sagt Inselbürgermeister Matthias Piszczan. „Doch jetzt ist der Fortbestand der Spiekerooger Pferdebahn bedroht.“

Gründe sind der Küsten- beziehungsweise Inselschutz und die Pläne des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN). Die Gleistrasse, die heute am Rande des Inseldorfes beginnt, führt durch ein Deichschart, ein Tor in der westlichen Deichlinie, die das Dorf bei Sturmfluten vor einer möglichen Überflutung schützt. Um den Folgen des Klimawandels und dem damit verbundenen Meeresspiegelanstieg gerecht zu werden, plant der Landesbetrieb, den Deich zu erhöhen. Das Deichschart mit einer Fußgängerbrücke gehört dem NLWKN, der umgebende Bereich ist von der Nordseebad Spiekeroog GmbH (NSB) gepachtet.

Im Rahmen der Vorplanungen zur Deicherhöhung hat der NLWKN das Deichschart untersucht. „Mit einem für uns besorgniserregendem Ergebnis“, so der Bürgermeister. Eine Bauwerksprüfung des Pferdebahnscharts Spiekeroog hat gravierende Mängel aufgezeigt.

Bereits im vergangenen Jahr hat der NLWKN als Träger der Deicherhaltung auf den Ostfriesischen Inseln eine Bauwerkshauptprüfung beauftragt, um die Statik von Schart und Brücke des Spiekerooger Pferdebahnscharts auf der Grundlage heutiger Prüfstandards neu bewerten zu lassen. Für eine abschließende Bewertung war im Frühjahr die Freilegung einzelner Bauwerkskomponenten durch partiellen Abtrag des Verblendmauerwerks notwendig geworden. Mitte März konnte so der Zustand der über das Bahnschart verlaufenden Brücke sowie der Aufhängung der Deichscharttore durch einen zertifizierten Experten eingehend begutachtet werden. „Im Ergebnis hat die durch das Ingenieurbüro Bröggelhoff durchgeführte Bauwerksprüfung die Befürchtung bestätigt, dass die Brücke nicht weiter verkehrssicher betrieben werden kann und die Sturmflutsicherheit des Schartes ohne die Torpaare bis auf Weiteres mit einem Verschluss durch Dammbalken und Sandsäcke sicherzustellen ist“, erklärt NLWKN-Dezernentin Anja Lorenz in einer Pressemitteilung.

Das Schart muss demnach zur Erhaltung der Sturmflutsicherheit langfristig durch einen Neubau oder einen Lückenschluss des Deiches ersetzt werden.

„Das wäre für den Betreiber Christian Roll, unsere Insel Spiekeroog, aber auch für das Land Niedersachsen, Deutschland und sogar Europa ein unermesslicher Verlust“, sagt Spiekeroogs Bürgermeister Matthias Piszczan. „Wir hoffen innigst auf den Erhalt unserer historischen und europaweit einmaligen Pferdebahn.“

Eigentlich hätte sie noch für zwei Jahre weiter betrieben werden dürfen. Doch die ohnehin vorgegebene Schließung des Deichscharts in der Sturmflutzeit vom 15. September bis zum 15. April sowie die durch die Corona-Pandemie derzeit maximale Auslastung von nur 50 Prozent an Fahrgästen hat den Betrieb in der jetzigen Zeit unwirtschaftlich gemacht.

„Um die Spiekerooger Pferdebahn nach den gegebenen Optionen zu erhalten, führen wir jetzt Gespräche mit den zuständigen Ministerien der niedersächsischen Landesregierung, der Nationalparkverwaltung und dem NLWKN“, sagt der Inselbürgermeister. Das Deichschart schließen oder neu bauen? Das sind die jetzt bis zum Ende des Jahres zu klärenden Fragen.

Dabei geht es auch um die Finanzierung eines Neubaus. Würde der Durchlass für die Pferdebahn neu gebaut werden dürfen, so kämen auf die Nordseebad Spiekeroog GmbH laut Schätzung Kosten in Höhe von etwa zwei Millionen Euro sowie etwa 50 000 Euro jährliche Betriebskosten zu. „Wir benötigen jetzt dringend eine Klärung all dieser Fragen“, betont Matthias Pis-zczan. Der NLWKN müsste jetzt planen und die Maßnahme 2022 in der sturmflutfreien Zeit umsetzen. „Das wäre der Idealzeitraum, damit es mit der Pferdebahn schnellstmöglich weitergeht.“

Sollte die Deichlinie ohne Schart geschlossen werden müssen, wäre eine neue Haltestelle außendeichs eine letzte Alternative. Doch so weit will auf Spiekeroog derzeit niemand denken. Vielmehr hoffen die Gemeinde und die NSB auf Finanzierungshilfen für ein neues Pferdebahnschart durch das Land und andere Geldgeber. „Wenn die Pferdebahn kaputtgespart würde, wäre das ein herber Verlust. Ein Stück Kulturgeschichte für Spiekeroog, Deutschland und Europa ginge verloren“, macht Spiekeroogs Bürgermeister deutlich.

Klaus HändelLokalredaktion

Weitere Nachrichten:

NLWKN | Nordseebad Spiekeroog | Coronavirus

Ihre Meinung

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.