Nordseeküste Frage: Der Nationalpark ist ein Schutzgebiet, das nun quasi unfreiwillig eine Auszeit vom Tourismus erhält. Haben Sie ein ambivalentes Gefühl angesichts der Ruhe, die im Wattenmeer eingekehrt ist?
Peter Südbeck: Ambivalent ist das richtige Wort. Es ist ein dramatischer Wechsel von heute auf morgen. Einen Wirtschaftszweig, der die ganze Region prägt, auf Null zu setzen, das ist sehr eindrucksvoll im negativen Sinn. Ich habe großes Mitleid und auch großen Respekt vor der Haltung derjeniger, die damit ihr Geld verdienen müssen und hier auch oft keine Alternative haben.
Auf der anderen Seite hat der Nationalpark in der Tat durch die total veränderte touristische Nutzung nun Räume, die viel weniger durch uns Menschen frequentiert werden, als das sonst der Fall ist. Wir schauen ganz genau hin, wie schnell die Natur darauf reagieren kann.
Einige Beispiele: Wir können uns vorstellen, dass die Seehunde sich jetzt andere Liegeplätze suchen. Das sind traditionelle Nutzungsformen der Tiere, die sich aber durch ein verändertes Nutzungsmuster der Menschen auch verändern können. Auf dem Strand brütende Vögel haben eine veränderte Nutzungsweise etwa von Brutgebieten. Eine Auswirkung könnte auch sein, dass Zugvögel, die jetzt verstärkt kommen, den Raum flexibler und auf größerer Fläche nutzen können. Wir haben unsere Ranger auf den Weg geschickt, das auch zu dokumentieren.

Ruhe ist teuer erkauft

Frage: Wenn Sie jetzt durch das einsame Wattenmeer gehen, wie fühlen Sie sich da?
Südbeck: Es ist natürlich ein ruhiges Gebiet derzeit. Das ist für einen Naturmenschen wie mich, der das immer sucht, eine tolle Erfahrung. Aber man hat trotzdem dieses ambivalente Gefühl, weil man natürlich weiß, dass diese Ruhe auch dadurch teuer erkauft wird, dass es vielen Menschen damit nicht gut gehen kann – neben der gesundheitlichen Gefahr gibt es ja auch die wirtschaftliche. Das überschattet das alles schon sehr. Aber natürlich habe ich ein naturwissenschaftliches Interesse, zu sehen, wie die Natur reagiert.

Wir haben jetzt effektiv beruhigte Bereiche

Frage: Sie haben bereits ein paar Beispiele genannt, was in der Natur jetzt passieren könnte. Spüren Sie als Biologe schon irgendwelche Effekte oder sind das erst Auswirkungen, die sich in der Zukunft zeigen werden?
Südbeck: Das sind alles Effekte, die sich jetzt eigentlich sofort einstellen. Keiner geht ja davon aus, dass das nächstes Jahr wieder der Fall ist. Das ist kein lang- oder mittelfristiger Trend, sondern jetzt eine spontane Reaktion der Tiere, vor allem der Tierarten, die mobil sind. Diese entdecken geeignete Bereiche, die auch störungsberuhigt sind und gefahrlos genutzt werden können. Wir haben jetzt effektiv beruhigte Bereiche, wo Vögel darauf reagieren können und Seehunde auch besser geeignete Plätze finden, weil diese eben nicht durch Menschen genutzt werden.

Lehrende Effekte für die Verwaltung

Frage: Aber besteht da nicht auch die Gefahr, dass, wenn irgendwann die Einschränkungen gelockert werden, dann neu gewonnene Brutplätze auch wieder schnell zerstört werden?
Südbeck: Ja, da machen wir uns nichts vor. In gewisser Hinsicht ist das Ganze kurzfristig und auch ein Rennen gegen die Zeit. Aber wenn zum Beispiel Mitte nächster Woche ein Wattregenpfeifer ein Gelege zeitigt und wir diese Veränderung in der Nutzung durch den Tourismus noch vier Wochen haben, dann sind die mit ihren Jungen durch. Ein Hochwasserrastplatz für Zugvögel des Wattenmeeres, der wird zwei, drei, vier Wochen genutzt. Für uns ist aus Erkenntnissicht wichtig, dass man gucken kann, wo sich solche Vögel ansiedeln würden. Das hat auch auf Schutzmaßnahmen oder Lenkungsfragen einen lehrenden Effekt für uns als Verwaltung.

Konzeptionelle Überlegungen für die Zukunft

Frage: Die Arbeit ändert sich in der Krise. Überall. Wie ist das bei der Nationalparkverwaltung?
Südbeck: Ich fang mal bei den Rangern an, die im Gelände arbeiten. Deren Arbeit verschiebt sich, weil die Gäste, für die sie Ansprechpartner sind, eben gar nicht da sind. Sie dokumentieren jetzt stärker, können besser erfassen. In der Verwaltung hingegen sind nur noch weniger als ein Drittel der Kollegen da, der Rest arbeitet zu Hause. Auch wir arbeiten mehr mit Telefonkonferenzen. Wir beschäftigen uns viel mit Dingen, die etwas mehr Zeit brauchen, darunter konzeptionelle Überlegungen, in welcher Richtung in der Zukunft was gemacht werden kann oder wie es mit der Forschung aussieht.

Qualitätssiegel für die Partnerbetriebe

Frage: Angesichts der Pandemie zeigt sich, wie wichtig es ist, regional vernetzt zu sein. Der Nationalpark hat viele Partner – von den nun viele wiederum große wirtschaftliche Sorgen haben. Basteln Sie gemeinsam an Konzepten für die Zukunft?
Südbeck: Zunächst einmal haben wir die von uns geförderten Nationalparkhäuser, die uns sehr nah sind. Da haben wir schon früh, zu Beginn der Maßnahmen, parallel Programme und Initiativen gestartet, damit wir einen finanziellen Ausgleich organisieren können. Das ist auch bereits auf Landesebene angekommen, weil wir natürlich nicht wissen, wie die das wirtschaftlich wegstecken können. Beispiel Spiekeroog: Dort brechen aktuell natürlich jegliche Einnahmen weg. Da haben wir ganz frühzeitig finanzielle Mittel beantragt. Es ist eine Landesaufgabe, Informations- und Bildungsarbeit zu betreiben in den Nationalparkhäusern.
Die Partnerbetriebe, die als Betriebe unmittelbar betroffen sind, können zunächst als Betriebe von den Hilfsgeldern des Bundes und des Landes profitieren. Wir versuchen unseren Beitrag zu leisten, indem wir Dinge, die wir für die Partner machen können, auch vorziehen wollen. Zum Beispiel sind wir gerade dabei, eine Zertifizierung Barrierefreiheit, also ein Qualitätssiegel für die Partnerbetriebe, auf den Weg zu bringen. Das sind kleine Maßnahmen der Linderung und auch Signale der Hilfsbereitschaft, die wir senden wollen.

Tourismus mehr in Richtung Nachhaltigkeit entwickeln

Frage: Der Tourismus in der Region wird auf lange Zeit nicht mehr derselbe sein. Was hat das für Auswirkungen auf den Nationalpark? Muss sich der Tourismus ändern?
Südbeck: Gute Frage. Das kann man schwer sagen. Man weiß wirklich nicht, in welcher Verfassung der Tourismus an den einzelnen Orten am Ende der Krise herauskommen wird. Das wird sehr heterogen sein. Aber wir sind seit zehn Jahren auf einem Weg, den Tourismus mehr in Richtung Nachhaltigkeit zu entwickeln, weil wir glauben, dass nachhaltige Nutzungsformen für das Weltnaturerbe Wattenmeer die zukunftsfähige Form ist. Zukunftsfähigkeit ist ja eben auch das, was als Überschrift über den Auswirkungen dieser Pandemie steht.
Eine Besinnung auf den Reisemarkt Deutschland wäre etwa ein wichtiger Punkt, ein Besinnen auf regionale Kreisläufe. Wir haben ja die Diskussion, wo das alles her kommt und was Globalisierung mit uns gemacht hat. Dieser Virus ist auch ein Zeichen der ungeheuren Beschleunigung der Globalisierung mit seinen weltweiten Konsequenzen. Ich glaube, dass wir aus Sicht des Weltnaturerbes die Aufgabe haben, vor Ort Lösungen zu finden, die zukunftsfähig sind. Da ist Nachhaltigkeit ein ganz großes Stichwort.

Wollen Menschen mit dem Wattenmeer in Berührung bringen

Frage: Ende August sollte zum zweiten Mal der Biosphärenmarkt stattfinden. Glauben Sie, dass der Termin eingehalten werden kann? Wie planen Sie für die Zugvogeltage?
Südbeck: Da kann man heute keine Prognose abgeben. Wir haben zunächst den Stichtag 19. April, dann müssen wir sehen, wie es weitergeht. Wir bereiten uns vor, dass diese Veranstaltungen stattfinden können. Es macht aber keinen Sinn, sich jetzt darauf festzulegen, ob es klappt oder nicht. Aber wir hoffen das natürlich, weil wir auch hoffen, möglichst schnell wieder möglichst viele Menschen mit dem faszinierenden Wattenmeer in Berührung bringen zu können.

Klimawandel: Brauchen konzentrierte Maßnahmen

Frage: Die Pandemie ist das eine, darüber darf aber ein weiteres Problem nicht aus den Augen verloren werden: der Klimawandel. Ohne beides wirklich direkt miteinander vergleichen zu können – wünschen Sie sich von Seiten der Politik ähnlich rigorose Maßnahmen, wie sie jetzt angesichts der Pandemie getroffen werden?
Südbeck: Ich glaube, das ist das Gebot der Stunde. Den Auswirkungen des Klimawandels genauso wie denen des weltweiten Artensterben können wir nur mit wirklich ganz konzentrierten Maßnahmen entgegentreten. Diese Rigorosität brauchen wir. Auch nach dieser ganz anders wirkenden und eher kurzfristigen Pandemie müssen wir die Maßnahmen des Umweltschutzes, die eingeschlagen haben, erhalten und weiter verstärken. Wenn das Wirtschaftsleben wieder angekurbelt ist, sollten wir nicht nur nach rein wirtschaftlichen Lösungen suchen, sondern auch nach zukunftsfähigen und nachhaltigen. Denn am Ende haben wir natürlich nichts davon, wenn der Klimawandel noch weiter beschleunigt wird.

Auf das Regionale besinnen

Frage: Wenn wir aus der Pandemie etwas lernen und mitnehmen können für die Zukunft, was wäre ihr Wunsch?
Südbeck: Die Besinnung auf Regionales. Zu sehen, was wir hier alles haben und eigenständig gut in die Zukunft führen müssen. Und die Besinnung darauf, was wir mit dem Weltnaturerbe vor der Haustür als Geschenk haben und dass wir damit sorgfältig umgehen müssen. Was uns das Virus vorgemacht hat, ist, wie schnell wir sehr empfindlich sind angesichts des internationalen Handels und allen möglichen Vernetzungen. Wir spüren gerade jetzt ganz deutlich, was da für Probleme auftreten können.

Jens NählerRedaktionsleitung

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