Roffhausen /Wilhelmshaven „Wir haben große Probleme im Moment“, sagt Physiotherapeut Heiner Brinkmann. Gemeinsam mit fünf anderen Physiotherapeuten betreibt er eine Gesundheitspraxis in Roffhausen.

Denn einerseits müssen Physiotherapeuten ihre Praxen geöffnet halten. Sie gelten als systemrelevant. Sie sind „sekundäre Heilmittelerbringer“. „Das heißt es soll sichergestellt werden, dass die gesundheitliche Förderung der Patienten weiter gewährleistet bleibt“, erklärt Brinkmann.

Keine Rezepte vom Arzt

Andererseits erhalten sie im Moment immer weniger Aufträge von Ärzten. Denn auch in diesem Bereich sollen wegen des Coronavirus Kontakte, wo es möglich ist, eingeschränkt werden. Deswegen dürfen nur noch die Patienten behandelt werden, die ein Rezept bzw. eine Heilmittelverordnung vom Arzt haben. „Die ärztliche Verordnung gilt automatisch als Notwendigkeitsbescheinigung.“ Das ist zum Beispiel bei einer Lymphdrainage nach einer Brustkrebserkrankung der Fall, nach einem Herzinfarkt oder bei Multiple Sklerose, zählt Brinkmann auf. Damit ist die Zahl der Patienten deutlich gesunken. Davon berichtet auch Birte Kräminger. Sie ist Physiotherapeutin in der Praxis von Claudia Wittkopf „Praxis Therapie und Meer“ in Wilhelmshaven. Viele Ärzte würden gar keine neuen Rezepte mehr verschreiben, sagen es sei zu gefährlich für die Patienten oder wissen nicht, dass die Physiotherapeuten noch praktizieren.

Es herrschen unklare Verhältnisse

Dazu trage auch die Politik mit ihrer Kommunikation bei. Besonders stark war die Verwirrung nach der Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel am 22. März zu weiteren Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie, berichtet Birte Kräminger. Mit diesen wurden neben Frisören auch Massagepraxen untersagt zu öffnen. Vielfach entstand der Eindruck, dass damit auch Physiotherapeuten gemeint waren. Die Folge: Am Montag danach herrschte in der Wilhelmshavener Praxis Chaos. Viele Patienten riefen an, wollten ihre Termine stornieren oder verschieben, die Praxis müsse ja jetzt schließen. „Viele Patienten haben schon vorher überlegt, ob sie kommen. Das hat dass dann noch hochgepusht“, sagt Kräminger. Dabei gehören Physiotherapeuten zum medizinischen Bereich. Jeder mit einer Heilmittelverordnung kann behandelt werden. „Noch heute rufen uns Patienten an und fragen nach“, berichtet auch Heiner Brinkmann aus seiner Praxis in Roffhausen.

„Dann hieß es kurzzeitig, dass eine extra Bescheinigung für die Behandlung durch einen Physiotherapeuten benötigt wird“, so Brinkmann weiter. Das Rezept reiche nicht mehr aus. Das relativierte sich jedoch schnell wieder, nachdem sowohl die Kassenärztliche Bundesvereinigung als auch die Politik sich einschalteten und bestätigten, dass die Verordnung vom Arzt ausreichend ist. „Es geht so weit, dass Patienten ungläubig reagieren, wenn sie erfahren, dass wir arbeiten.“

Die Verunsicherung ist groß

Diese Unklarheiten tragen dazu bei, dass viele Patienten in Wilhelmshaven ihre Termine absagen. „Die Patienten wurden total verunsichert“, sagt Kräminger, „und es gibt manche, die eine Physiotherapie bräuchten, aber nicht raus beziehungsweise nicht zum Arzt gehen wollen.“ Die Praxis bekomme kaum noch Neuanmeldungen. Seit der ersten Märzwoche klaffe dort eine große Lücke, so Kräminger.

Brinkmann betreut die Patienten nicht nur in seiner Praxis, sondern macht auch Hausbesuche. Die seien aber kein Problem. Nur ein Bruchteil der Patienten, habe ihm aus Angst vor einer Ansteckung abgesagt. Die meisten dieser Patienten sind froh, dass die Physiotherapeuten überhaupt noch arbeiten. „Viele sind beruhigt, dass jemand von außerhalb kommt. Das ist auch ein Stück soziale Teilhabe. Ein wichtiger Aspekt, der jetzt aber vielfach entällt.“.

Bei der Therapie geht Sicherheit vor

Wichtig ist beiden zu betonen, dass sie bei ihrer Arbeit die nötigen Vorsichtsmaßnahmen einhalten. Alle tragen einen Mundschutz und Handschuhe, die immer wieder gewechselt werden. Genau wie bei Desinfektionsmittel auch, ist es jedoch ein Problem, dieser habhaft zu werden. „Es sind ja nur die, die zum direkten Kreis gehören, die bedacht werden“, sagt Brinkmann. Desinfektionsgel und Handschuhe hat die Roffhausener Praxis zum Glück noch vorrätig. Und sie tragen Mundschutze, die in der Region hergestellt wurden. Wer hustest oder Schnupfen hat, kommt gar nicht erst zur Arbeit. „Wir müssen genauso sicher sein wie ein Krankenhaus“, stellt Kräminger fest.

Die Situation in Pflegeheimen ist ungewöhnlich

Aber auch bei den Besuchen von Pflegeheimen gab es viel Hin und Her. Schien es zwischenzeitlich so, dass Physiotherapeuten Pflegeheime nicht mehr betreten dürfen., wurde ihnen in der Allgemeinverfügung zum Aufnahmestopp in Pflegeeinrichtungen vom 30. März dies explizit wieder erlaubt.

Trotzdem können sich Heiner Brinkmann und seine Kollegen im Moment nur in zwei Pflegeheimen um ihre Patienten kümmern, berichtet er. Die meisten anderen verwehren ihnen den Zugang mit der Begründung, das Ansteckungsrisiko für ihre Bewohner zu minimieren. Eine Begründung, die Brinkmann durchaus nachvollziehen kann. In der Zeit kümmern sich jetzt die Pflegekräfte der Einrichtung in diesem Bereich um die Patienten. „Die Pflegeheime tun, was sie können.“

Die Spätfolgen der Krise sind noch nicht abzusehen

Dort wo er noch arbeiten kann, reagieren die Menschen dankbar. „Das sind notwendige verordnete Therapien, die da verwehrt werden.“ Wenn eine Lymphdrainage bei einer Herzinsuffizienz für ein paar Wochen ausbleibt, kann das ohne Folgen bleiben. Wenn es allerdings schlecht läuft, schwellen die Beine weiter an, bis sich das Wasser zum Herz zurückstaut. Das ist aber auch vom Grad der Herzinsuffizienz abhängig, sagt Brinkmann. Das kann zum Problem werden, muss es aber nicht. „Das Bein wird im Laufe der Zeit aber auch nicht dünner“, sagt Brinkmann. „Es ist aber einfacher für das Herz, wenn das Bein dünner ist.“ Später kann es zum Problem werden, dass das Herz jetzt so stark beansprucht wurde. „Das sind Spätfolgen, die jetzt noch nicht vorhersehbar sind.“

Therapeuten fühlen sich von der Politik allein gelassen

Von der Politik fühlt Brinkmann sich allein gelassen: „Wir werden von niemandem richtig beachtet und laufen so nebenher.“ In Rettungsschirmen werden Physiotherapeuten anders als Ärzte oder Krankenhäuser nicht bedacht. Auch für Hygienemaßnahmen erhalten sie keine Unterstützung: Desinfektionsmittel, Handschuhe, Mundschutz – all das müssen sie sich selbst besorgen, der Markt ist hart umkämpft. Es würde schon helfen, wenn sie dort bedacht würden und in die Rettungsschirme miteinbezogen, so der Physiotherapeut.

Brinkmann wünscht sich außerdem eine bessere Zusammenarbeit mit den Ärzten und den Pflegeheimen. Denn eigentlich soll in Absprache entschieden werden, ob die Behandlung bei den einzelnen Patienten notwendig ist. „Das wird aber oft ohne uns entschieden“, sagt er und fügt hinzu, „wir können erst beurteilen, ob Physiotherapie notwendig ist, wenn wir den Patienten sehen.“ Birte Kräminger will ein Schreiben an Ärzte schicken, für deren Unterstützung werben, damit sie weiter Rezepte verschreiben. „Wir haben alle notwendigen Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Wir wollen ja auch weiterhin für die Menschen da sein. Die brauchen das ja auch.“

Die Sorge um die Zukunft ist groß

„Insbesondere die kleineren Praxen stehen vor dem Aus“, sagt Brinkmann. „Viele der kleineren haben jetzt ganz dicht gemacht und sind in den vorgezogenen Sommerurlaub gegangen.“ Brinkmann selbst musste für seine Praxis Kurzarbeit anmelden. Sorgen um die Zukunft macht auch er sich. „Selbst wenn die Maßnahmen am 20. April gelockert werden, wird es nicht einfacher.“ Denn einerseits kommen dann nicht alle Menschen als erstes zum Physiotherapeuten. Und andererseits bleibt die Frage, ob diese dann wieder in die Pflegeheime dürfen, wo die Menschen ja besonders gefährdet sind.

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