Wilhelmshaven Der Eintrag von Segler Tobias Schadewaldt in der freien Internet-Enzyklopädie „Wikipedia“ ist so lang, dass sie für manchen Nachwuchs-Literaten auch als Debüt-Erzählung durchgehen könnte.

Denn der 35-Jährige kann seit seiner Jugendzeit in der Laser- und 49er-Klasse auf zahlreiche, auch internationale Erfolge zurückblicken. 2012 – im Jahr seiner Teilnahme an den Olympischen Spielen in London – war der gebürtige Wilhelmshavener im 49er-zusammen mit Hannes Baumann Weltranglisten-Erster.

Mit dem Olympia-Start endet auch der Lexikon-Eintrag. Wer den Wilhelmshavener also in seiner Bootsbau-Firma „Jade Yachting“ auf dem 8000 Quadratmeter großen Gelände an der Havermonikenstraße besucht, muss erst einmal das schwarze Loch auffüllen, das sich die vermeintlich biografisch auftut.

Aber Tobias Schadewaldt ist alles andere als ein Ex-Segler, auch wenn die berufliche Karriere nach Platz 11 in London in den Vordergrund rückte. Der ehemalige Segler des KSW Wilhelmshaven beendete sein Masters-Fernstudium Betriebswirtschaftslehre in Lüneburg, war in der Folge bis 2018 bei EWE in Oldenburg im Bereich Offshore-Windenergie tätig, arbeitete als Unternehmensberater – und gründete schließlich 2017 mit seinem Ex-Nachbarn und langjährigen Mitstreiter Hendrik Kohrs („Ich habe immer mehr gesegelt und er hat mehr gebastelt“) sein eigenes Unternehmen Jade Yachting, das mittlerweile auf 14 Mitarbeiter angewachsen ist.

„Mein Boot, meine Freiheit“ heißt es da in Sachen Firmen-Philosophie – und um genau diese Freiheit auf dem Wasser geht es Schadewaldt, und um diese Chance, Grenzen zu testen (und sicher wieder an Land zu kommen).

Das Segeln hat den 35-Jährigen so nie losgelassen. 2015 feierte Schadewaldt, der mit Bambus-Stäben aus dem Baumarkt als Pinnenausleger anfing, bei der Kieler Woche, der größten Regatta der Welt, nach zwei Siegen im 49er im Laser seinen dritten Sieg, segelte anschließend bei der Europameisterschaft auf Platz 4 und war bei der Weltmeisterschaft in Kanada zweitbester Deutscher.

Mit dem Norddeutschen Regatta-Verein in Hamburg gewann Schadewald (als Steuermann) zudem 2017 und 2018 die Segel-Bundesliga. 18 Vereine kommen dabei Jahr für Jahr für sechs Spieltage zusammen, die Boote (J/70-Einheitsklasse) werden dabei gestellt, nach jeder Wettfahrt rotieren die Besatzungen auf ein anderes Boot. Die besten Teams qualifizieren sich – wie im Fußball – für die Champions-League, wo die Hamburger mit Schadewaldt in der Vergangenheit die Plätze 2, 3 und 7 belegten.

Zweifacher deutscher Jugendmeister im Laser-Radial, deutscher Junioren-Meister im Laser, Silber bei der Jugend-Olympiade, Bronze bei der Jugend-WM, Sportfördergruppe der Bundeswehr, Militär-Europameister, EWE-Sailing-Team, Sieger bei der Kieler und Travemünder Woche (49er), Olympia 2012 in London – die Erfolgsliste Schadewaldts ist lang.

Der für den Wilhelmshavener persönlich größte Erfolg ist dabei aber noch gar nicht aufgetaucht. „Im Olympia-Jahr 2012 waren Hannes Baumann und ich nach sieben Events, darunter Welt- und Europameisterschaft, die Weltranglistenersten in unserer Klasse – und das ist letztlich nichts anderes, als wenn sich Novak Djokovic gegen Rafael Nadal durchsetzt. Nur halt nicht so öffentlichkeitswirksam.“

Olympia soll deshalb aber nicht kleingeredet werden. „Das ist das Erlebnis schlechthin. Etwas, von dem ich schon als Kind geträumt habe.“

Etwas anderes weiß der Wilhelmshavener aber auch – und es ist einer der vielen Sätze, die bei anderen schablonenhaft klingen, beim 35-Jährigen aber mit Lebenserfahrung unterfüttert sind. „Wenn du davon träumst, gewinnst du nicht.“

Vor Olympia stand aber erst – fast – Olympia. 2007 segelte Schadewaldt fünf Tage lang bei der WM in Cascais (Portugal) auf Peking-Qualifikationskurs, war auf Platz 7 bester Deutscher, bevor ihn zwei misslungene Wettfahrten auf Platz 15 katapultierten – und Spuren hinterließen. „Die Eröffnungsfeier in Peking habe ich im Fernsehen gesehen, geweint und wieder ausgemacht. Auch die Segelwettbewerbe konnte ich mir nicht anschauen.“

Vier Jahre später gab es dann das eigene Erleben – und das hatte es in sich. „Uns war klar, dass wir mit einer normalen Leistung keine Chance auf eine Medaille haben. Und du hast Bücher gelesen, die sich mit dem Umgang von Drucksituationen beschäftigen. Und du hast gut trainiert. Und dieses erste Rennen wird live im Fernsehen übertragen, über dir kreist ein Hubschrauber, was sonst nie passiert. Und du jagst los – und leistest dir dabei einen Fehlstart und musst zurück an die Startlinie fahren, während alle anderen auf und davon segeln.“

Die Realität: Platz 19 nach zwei Tagen, am Ende Platz 11 – punktgleich mit dem Zehnten, der aber mehr bessere Platzierungen aufwies. Finale ade.

In der Rückschau relativiert sich für Tobias Schadewaldt der Frust. „Platz 7 oder 11. Das ändert nichts an deinem Leben.“ Wichtiger war – und das ist auch seine Botschaft als Unternehmensberater – etwas anderes. „Execution is the key.“ Was Schadewald auch übersetzt: „Etwas zu wissen oder zu können, hilft dir nicht, es zu machen. Du musst es jeden Tag üben.“ Dabei kann die Fähigkeit des Perspektiv-Wechsels helfen. Schadewaldt: „Keine Situation hat Bedeutung. Du gibst sie ihr.“

Was geplatzte Ziele bedeuten können, demonstrierte Tobias Schadewaldt schließlich 2015. Als der damals 31-Jährige bei der Segel-EM in Dänemark im 49er die Qualifikation für Olympia 2016 in Rio de Janeiro verpasste, bestritt er nur drei Monate später eine Triathlon-Langdistanz in Gandia/Valencia. Turbo-Irrsinn? Tobias Schadewaldt: „Es ist leicht, so viel zu trainieren, wenn du wütend bist.“

Martin MünzbergerLeitung Sportredaktion

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