Wilhelmshaven /Karlsruhe Menschen können unser Leben maßgeblich beeinflussen: Bundesrichterin Dr. Karin Milger hatte mindestens zwei schicksalhafte Begegnungen: „Als ich mit elf Jahren das erste Mal beim Schwimmtraining war, hat der Trainer gesagt, ich sei zu alt, zu klein und nicht ausreichend talentiert“, erinnert sich die heute 64-Jährige. „Damit hatte er auf den ersten Blick Recht, und der Mann war ein Experte, der auch Olympia-Schwimmer trainiert hat.“

Zum Glück ließ sich die 1,60 Meter kleine Athletin von diesem vernichtenden Urteil nicht entmutigen, trainierte fleißig und erntete später die verdienten Lorbeeren. Zu großen Titeln in der prestigeträchtigen offenen Klasse reichte es zwar nicht, dafür räumte Milger als Masters-Schwimmerin so richtig ab. Ihr größter Erfolg war der WM-Titel 2000 in München über 200 Meter Freistil.

Begegnung Nummer zwei fand Anfang der 70er-Jahre bei der Studienberatung auf dem Arbeitsamt statt. „Aufgrund meiner Noten wurde mir ein Medizinstudium empfohlen“, erinnert sich Milger. „Damit wollte ich aber nichts am Hut haben. Dann mach doch Jura, hat die freundliche Dame dann gesagt. Ein Rat, mit dem ich leben konnte.“ Und eine kluge Entscheidung, wie der spätere Karriereweg zeigt.

Der Traum von Olympia

Das Vorurteil, Jura gehöre zu den langweiligsten Studiengängen überhaupt, kann die 64-Jährige nicht bestätigen. „Im Gegenteil“, sagt Milger. „Jura ist immer fallorientiert und damit alles andere als langweilig. Kennen Sie den Unterschied zwischen Medizinern und Juristen? Wenn man dem Mediziner aufträgt, etwas auswendig zu lernen, dann fragt er nicht warum, sondern bis wann?“

Zurück zum Sport: Eigentlich wollte Karin Milger Kunstturnerin werden. „Flick-flack und Salto rückwärts saßen perfekt, aber Training war nur im zehn Kilometer entfernten Celle möglich. Damals gab es kaum öffentliche Verkehrsmittel, deshalb haben mir meine Eltern das nicht erlaubt.“

Mit dem Bau des Freibads in Papenhorst begann dann die erfolgreiche Schwimmkarriere – trotz der erwähnten Expertenmeinung. Milger: „Ich hab natürlich von Olympia geträumt und viele Extraschichten eingelegt. Am Ende sollte sich dieser Aufwand dann ja auch auszahlen.“

Einwöchige Bustour durch Marokko war ein tolles Erlebnis

Bei den Deutschen Meisterschaften für „Vereine ohne Winterbad“ (kurz VoW) schwamm Milger schon wenig später aufs Podest und legte in den frühen 70er-Jahren nach dem Hallenbad-Bau in Nienhagen trainingstechnisch noch einige Schippen drauf. „Offen hat es aber nie mehr als zu Platz vier gereicht. In diesen Momenten dachte ich, dass mein Trainer damals wohl doch nicht ganz so falsch lag.“

Zu den Highlights ihrer Jugend zählte ein sportlicher Austausch mit der Marokkanischen Nationalmannschaft, den der Niedersächsische Schwimm-Verband seinerzeit organisiert hatte. „Die einwöchige Bustour durch Marokko mit Stationen in Casablanca, Marrakesch oder Fes war ein tolles Erlebnis“, erinnert sich die 64-Jährige. „Das war das erste Mal, dass ich so weit im Ausland war. Weil ich in der Schule französisch hatte, war ich quasi auch Dolmetscherin – und schon ein bisschen stolz darauf.“

Studien- und familientechnisch trat Milger danach sportlich kürzer und stieg erst 1978 wieder zu Wettkämpfen ins Becken. „Die Masters-Wettbewerbe nahmen langsam Fahrt auf. Zu der Zeit habe ich in Göttingen mit 15- und 16-Jährigen in der Leistungsgruppe trainiert.“ Der damalige Spitzname der Juristin: „Schwimm-Oma“.

Auch den Hamburg-Marathon hat sie absolviert

Im Vergleich mit Schwimmern ihrer Altersklasse stellte die „Oma“ ihre Qualitäten in den folgenden 25 Jahren aber eindrucksvoll unter Beweis. Eine Auflistung aller Titel und Rekorde – darunter viele mit der Mastergruppe des WSSV – würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen. Parallel absolvierte sie 1988 auch den Hamburg-Marathon – in respektablen 3:22 Stunden.

„Auf den ersten Blick sticht der WM-Titel 2000 ins Auge“, sagt Milger. „Für mich persönlich genießt die EM 1995 aber einen noch höheren Stellenwert.“ Im italienischen Riccione schwamm Milger in der AK 40 gleich zu fünf Goldmedaillen und stellte drei Europarekorde auf. „Ich war auf beide Wettkämpfe sehr gut vorbereitet. In Riccione war die Tagesform optimal, es lief praktisch von selbst, während ich mich 2000 in München – trotz Lanzarote-Trainingslager – zum Sieg gequält habe“, sagt die 64-Jährige. „Für Außenstehende ist das immer schwer zu verstehen. Training hin oder her – am Ende entscheidet immer die Tagesform. Fragen sie mal Franziska van Almsick.“

Durch die Berufung zum Bundesgerichtshof zog die Familie 2006 nach Karlsruhe, wo sich Milger der dortigen Mastersgruppe anschloss. „Meinen letzten Wettkampf habe ich 2010 absolviert – mehr ist beruflich leider nicht drin“, sagt die Richterin. Ganz zu ist die Tür aber noch nicht: „Mal schauen: Im September 2021 gehe ich in Pension, und mein Trainer liegt mir schon seit Monaten in den Ohren. Vielleicht greife ich 2022 noch mal an, wenn ich denn das Schwimmen in Corona-Zeiten nicht verlernt habe.“

Carsten ConradsSportredaktion

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