Wilhelmshaven /Friesland In Ostfriesland und auch im Oldenburger Land gilt das Boßeln seit Gründung des Friesischen Klootschießer-Verbandes (FKV) 1902 als Nationalsport. Gerade jetzt, wo die Saison zu Ende geht, die Kämpfe über Auf- und Abstieg bevorstehen sollten, und die Entscheidungen über Kreis-, Landes- und FKV-Meisterschaften lange terminiert waren, sorgte das Corona-Virus eine Zwangspause und großes Durcheinander in die Spielpläne.

Seit fast zwei Monaten sind die Boßlerinnen und Boßler schon zu völliger Passivität verurteilt. Kein Ruf „Hier mut he hen“, „Fleu herut“ oder „Good wat mit“ der Bahnweiser ist auf den Straßen zu hören. Es ist still geworden um die alte Tradition des Friesenspiels, das zwischen Weser und Ems annähernd 300 Vereine mit fast 35 000 aktiven und passiven Mitgliedern hat.

Hoffnung keimte auf, als der Niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil kürzlich einen Fünf-Stufen-Plan mit Lockerungen für den Sport ankündigte. Der Klootschießerverband ging davon aus, wieder aktiv werden zu dürfen. Schnell hatte er einen „11-Punkte-Katalog“ für den Friesensport in Zeiten von Corona“ ausgearbeitet, der alle notwendigen Vorsichtsmaßnahmen zur Vermeidung von Ansteckungen enthält, und das Boßeln als Beitrag zur Gesundheit, zum sozialen Ausgleich, zu Bewegung und Lebensqualität bezeichnet.

Bis Ende Juni sollten alle Wettkämpfe und Meisterschaften an Samstag- und Sonntagsterminen planmäßig beendet werden. Dann aber folgte die Ernüchterung durch den Erlass der Landesregierung: Sportanlagen können zwar wieder geöffnet werden – der Wettkampfsport muss hingegen noch warten.

Bleiben aktuell nur Fragen um die Geschichte und Geschichten vom Boßeln, das seine Anhänger in Oldenburg, Ostfriesland, Schleswig-Holstein, Holland, Irland und Italien hat. „Hätten Sie gewusst, dass es in Akelsbarg/Ostfriesland eine Landstraße mit dem Namen „Boßelstraße“ gibt, in Neusüdende bei Oldenburg ein Lokal „Boßelerburg“ heißt und in Golzwaren bei Brake der früher sehr bekannte Klootschießer Heiko Witte im Telefonbuch statt einer Berufsbezeichnung ‚Klootschießer’ stehen hat?“

Übrigens gibt es im Alten Land eine Ortschaft „Bossel“, in der 20 Bürger 1987 den einzigen Boßelverein zwischen Weser und Elbe gründeten. Heute gehören ihm 139 der 180 Einwohner an; doch geboßelt wird nur aus Spaß und neben einer Sirene, einer Hupe und Blaulicht ist stets ein Bollerwagen mit Getränken dabei. In der Nachbarschaft von Bossel liegt Burweg. Dort ist ein Hersteller von Gummikugeln, wie sie auch im FKV benutzt werden.

Zum Schluss noch etwas schwarzer Humor: Starb bei den Ostfriesischen Boßelvereinen Uplengen und Neudorf früher ein Mitglied, so hieß es in den Traueranzeigen „Dor geiht he hen“ und „Lat`n susen“ - analog zu den Vereinsnamen. Wegen der Zweideutigkeit wird seit Jahren auf diese Zusätze verzichtet.

Der „Upstalsboom“ ziert als einzigartiges Symbol der friesischen Freiheit das Wappen des Klootschießerverbandes. Im Mittelalter war es ein Baum, an dem sich Ostfriesische Häuptlinge trafen, ihre Pferde aufgestallt („upstallt“) haben und ihren unterschütterlichen Gemeinschaftssinn pflegten. Seit 1833 erinnert diese Steinpyramide an die Zusammenkünfte. Eine beabsichtigte Umgestaltung des Geländes zu einem Thingplatz wurde im Dritten Reich aber nicht mehr verwirklicht.

Manfred LehmannFreier Mitarbeiter

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