Wilhelmshaven Landesmeister, norddeutscher Vizemeister – das klingt in einer Stadt, in der Olympia-Medaillengewinner (Sergey Yashin) oder Olympia-Teilnehmer (Tobias Schadewald, Oliver Köhrmann) zu Hause sind, zunächst einmal nicht aufregend. Was Wolfgang Noltemeier aber seit fast 60 Jahren für den Blindensport in Wilhelmshaven bewegt hat, ist mit Titeln, Pokalen und Urkunden nur völlig unzureichend beschrieben.

Denn ohne Wolfgang Noltemeier, der 1960 im Alter von 21 Jahren nach einem Ausfall des Sehnervs erblindete, hätte es zum Beispiel die Torball-Turniere im Rahmen des Behinderten-Sportfestes nie gegeben. 1988 fand – unter anderem mit drei Mannschaften aus Wilhelmshaven – die erste Auflage statt und seitdem in jedem Jahr wieder.

Im Laufe der Zeit wurden die Turniere dabei immer internationaler; aus 14 Nationen fanden Teams den Weg nach Wilhelmshaven – und trugen der heimischen Behinderten-Sportgemeinschaft 1996 eine Gegeneinladung nach Moskau ein. Noltemeier: „7000 DM hat die Flugreise ab Berlin für fünf Personen damals gekostet. Das Geld ist durch Sponsoren aber zusammengekommen.“

Im EM-Finale mit 4:2 gegen Frankreich gewonnen

Und an noch eine Besonderheit erinnert sich der Wilhelmshavener noch. „Mein Neffe Andreas wollte damals unbedingt mitkommen und hat wochenlang mit einer Brille trainiert. Nach dem Turnier hatte er soviel Muskelkater und blaue Flecken, dass er nie wieder gespielt hat.“

Für Wolfgang Noltemeier galt das nicht. Der gelernte Industriekaufmann, der vor seiner Erblindung erfolgreich Tischtennis beim TSR Olympia spielte und 1959 als Schiedsrichter bei der Tischtennis-WM in Dortmund im Einsatz war, beendete erst 2014 bei seiner 40. Landesmeisterschaft im Torball nach 2990 Spielen seine Karriere, zu der als Funktionär auch die Organisation von 13 Landesmeisterschaften, fünf norddeutschen Titelkämpfen und vier „Deutsche“ gehören.

Ein besonderer Höhepunkt für „Mr. Torball“ war 1997 die Europameisterschaft in Wilhelmshaven, bei der das Männerteam einen 4:2-Finalsieg gegen Frankreich feierte und die Damen im Endspiel Österreich mit 1:5 unterlagen. Noch wichtiger aber: Nicht nur an den vier Turniertagen stand das Turnier im sportlichen, städtischen Mittelpunkt, sondern auch mit der zweistündigen Eröffnungs-Show vor 700 Zuschauern in der Nordseesporthalle punktete das Team um EM-Chef Helmut Möhle.

“Nach zehn Monaten fand ich meinen Lebensmut wieder“

Von solchen Zeiten ist der Behindertensport weit entfernt, stellt Wolfgang Noltemeier, der sieben der 20 Sportarten für Blinde selber betrieben hat, mit Bedauern fest. „Das ist ein Teufelskreis: Es fehlt an Übungsleitern – aber auch deshalb, weil die Nachfrage der Sehbehinderten auch in den großen Städten dramatisch zurückgegangen ist. Eine Ausnahme bilden Zentren wie die Blindenschule Hannover. In der Spitze gab es in Deutschland mehr als 60 Blindenvereine. Davon sind wir heute weit entfernt. Bei jüngeren Sehbehinderten scheint das Bedürfnis, sich sportlich betätigen zu wollen, leider nicht mehr sehr ausgeprägt zu sein.“

Für Wolfgang Noltemeier, dessen Tochter Angela früh mit der „Szene“ in Kontakt kam und die sich heute um die Torballer des FC St. Pauli kümmert, galt immer das andere Extrem. Nach seiner Erblindung trat der Wilhelmshavener („Nach zehn Monaten fand ich meinen Lebensmut wieder“) bereits im Oktober 1961 in die BSG Wilhelmshaven ein und wurde dank seiner Erfolge im Kegeln und Torball angesichts von mehr als 40 Ehrungen zum Stammgast bei der jährlichen Sportlerehrung der Stadt.

400 Meter Schwimmen gehören zum Standard-Programmfff

Auch aktuell steckt der 81-Jährige – auf seiner Schreibmaschine seit fast 50 Jahren für die „Wilhelmshavener Zeitung“ Chronist in eigener Sache – immer noch voller Pläne und Bewegungsdrang.

Im Februar absolvierte der Wilhelmshavener, der 2018 – unterstützt von Uwe Reese – einen Blindenfußball-Länderspiel nach Wilhelmshaven holte – die 57. Wiederholung des Sportabzeichens in Gold, in dieser Woche löste das erste Schwimmtraining im Nautimo nach drei Monaten Pause die Nordsee-Besuche ab.

Und am Samstag um 9.15 Uhr erwartet die AWO-Sportgruppe Wolfgang Noltemeier zum Schwimmtraining. 400 m gehören zum Standard-Repertoire des 81-Jährigen, der dabei vielleicht schon wieder über sein nächstes Projekt nachdenkt.

Denn Anfang September – am Termin des abgesagten Inklusionssportfestes – möchte Noltemeier alte Torball-Weggefährten aus den letzten Jahrzehnten nach Wilhelmshaven einladen.

Martin MünzbergerLeitung Sportredaktion

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