Ostfriesland /Friesland „Erst kommt der Straßenverkehr, dann der Boßelsport.“ Wohl in keinem anderen Regelwerk einer Sportart ist solch eine Zeile zu finden. Nur beim Straßenboßeln. Fast jeder, der in Friesland oder Ostfriesland unterwegs ist oder einmal Urlaub gemacht hat, wird schon einmal am Wochenende auf sie gestoßen sein: Männer oder Frauen, die mitten auf einer Straße stehen und eine Kugel werfen – oft umringt von mehreren anderen Anwesenden in Trainingsanzügen. Der eine oder andere wird sich dann gefragt haben: Dürfen die das? Die Antwort ist simpel und doch für Außenstehende mitunter etwas seltsam: Ja, sie dürfen das.

Das rege Treiben auf den Straßen hier oben im Norden am Wochenende nennt sich Straßenboßeln und zählt mit Fußball zu den beliebtesten Mannschaftssportarten in Ostfriesland und Friesland. Ob Regen, Wind oder Sturm – all das hält die Straßenboßler aus dem Norden nicht vom Werfen ab. Nur bei Schnee oder Eis auf der Straße wird ein Wettkampf abgesagt. Die Regeln des Sports sind festgelegt im „Blauen Buch“ der Friesensportler.

Holz und Gummi

Eine Mannschaft besteht im Straßenboßeln in allen Männer- und Frauenteams aus grundsätzlich zwei verschiedenen Arten von Gruppen – Holz und Gummi. Was zunächst einmal nach seltsamen Gruppennamen klingen mag, bezeichnet das Sportgerät, mit dem geworfen wird. Jede Gruppe besteht dabei aus vier Werfern. Je nach Liga bzw. Klasse kann es jeweils zwei Gummi- und zwei Holz-Gruppen oder jeweils nur eine Holz- und eine Gummi-Gruppe geben. Kann eine Mannschaft, wie bei den Jugendteams, nur eine Gruppe stellen, muss diese erst mit einer Gummi- und dann mit einer Holzkugel werfen. Jede Gruppe ernennt dabei einen Gruppenführer.

zur Wende und zurück

Ein Wettkampf im Straßenboßeln funktioniert so, dass immer zwei Mannschaften gegeneinander antreten. Sie müssen eine festgelegte Strecke absolvieren. Geworfen wird bis zu einem Wendepunkt und wieder zurück. Der Wendepunkt einer Strecke ist, je nach Altersklasse, unterschiedlich weit von der Startlinie entfernt, da die Gesamtstrecke mit 40 bis 50 Wurf zu absolvieren sein muss. Nachdem der erste Werfer einer Gruppe geworfen hat, folgt der erste Werfer der gegnerischen Gruppe. Der zweite Werfer einer Gruppe wirft von der Höhe aus los, an dem die Kugel des ersten Wurfs zum Stillstand gekommen ist. Die Reihenfolge der Werfer innerhalb einer Gruppe darf während des Wettkampfes nicht verändert werden. Wirft die führende Mannschaft über die Wendemarkierung, tauschen die Gruppen die Abwurfstellen und werfen wieder zurück in Richtung Ziel.

Jeder Schoet zählt

Die Mannschaft, die die vorgegebene Strecke mit den wenigsten Würfen schafft, siegt und erhält zwei Punkte. Das Verliererteam erhält zwei Minuspunkte und bei einem Unentschieden erhalten beide Mannschaften jeweils einen Punkt.

Die genaue Wettkampfwertung im Straßenboßeln erfolgt nach Schoet (Würfen). Eine Mannschaft erhält einen Schoet, wenn sie mit einem Wurf weiter wirft als die Gegnerische Mannschaft mit zwei Würfen. Wirft die führende Mannschaft über das Ziel, ist der Wettkampf beendet und die zurückliegende Mannschaft darf nicht mehr werfen. Der Abstand zwischen der Kugel des Siegerteams und der gegnerischen Mannschaft wird per Messrad oder anhand von Straßenmarkierungen gemessen, und die Meter werden von den Gruppenführern festgehalten. Pro 150 Meter Abstand (bei den Männern) oder 100 Meter (bei den Frauen) erhält die führende Mannschaft einen weiteren Schoet.

Benötigt Männerteam A also für die festgelegte Strecke 45 Würfe, Männerteam B allerdings nur 40 siegt Team B mit fünf Schoet. Beträgt der Abstand der Kugeln beider Teams im Zielbereich 230 Meter, so werden zu den fünf Schoet ein Schoet und 80 Meter dazu addiert. Das Ergebnis wird dann wie folgt notiert: 6,080 für die Männer aus Team B.

Auto im Weg

Doch ab wann zählt ein Wurf? Kann es auch Fehlwürfe geben? Nicht selten geschieht es, dass während eines Wettkampfes ein oder mehrere Autos die Strecke passieren. Jedes Mal, wenn das geschieht, muss der Wettkampf unterbrochen werden, denn der Verkehr hat, wie eingangs erwähnt, immer Vorrang. Trotzdem passiert es immer wieder, dass ein Werfer bereits geworfen hat und dessen Kugel von einem Auto gestoppt wird. In diesem Fall darf der Werfer den Wurf wiederholen. Gleiches gilt für einen Wurf, der von einem der gegnerischen Spieler, dessen Mitspielern oder einem freilaufenden Tier unabsichtlich gestoppt oder abgeleitet wird. Wirft ein Spieler allerdings gegen ein geparktes Auto oder ein Haus, also einen ruhenden Gegenstand, so zählt der Wurf. Dies tut er auch, sollte er von einem anderen Spieler oder Angehörigen der eigenen Mannschaft abgeleitet oder gestoppt werden. In diesem Fall allerdings nur bis zu dem Punkt der Beeinflussung. Im Allgemeinen zählt ein Wurf, wenn die Kugel aus dem Anlauf heraus über die jeweilige Abwurflinie geworfen wurde und der Werfer mit dem Fuß diese Markierung nicht überschritten hat.

Hilfe, die Kugel ist weg

Bei fast jedem Wurf landet die Kugel am Straßenrand, oftmals sogar im Straßengraben oder im Sloot. Die Wurfgeräte dort wieder herauszubekommen, erfordert von den Straßenboßlern oft nicht nur jede Menge Geduld und Feingefühl, sondern auch das passende Suchgerät. Jede Gruppe hat deshalb meist einen sogenannten Kraber dabei – einen langen Metallstab an dessen Ende ein verzinkter kleiner Korb befestigt ist. In bestimmten Fällen kommen sogar Detektoren zum Einsatz. Wird eine Boßelkugel aber nicht innerhalb von 15 Minuten gefunden, gilt sie als verloren und muss ersetzt werden.

Die Richtige Peilung

Da eine Straße selten nur geradeaus führt, müssen die Boßler oft auch durch Kurven werfen. Bei besonderen Kurven, etwa mit Gabelungen, oder sehr engen, beispielsweise rechtwinkligen Kurven, soll laut Regelwerk ein sogenannter Peilpunkt angebracht werden. Zusätzlich zu diesem Punkt sollen Anfang und Ende des Peil-Bereichs auf der Straße markiert werden. Landet eine Kugel also im Peil-Bereich, wird sie zunächst mithilfe des Punktes gepeilt, um die nächste Abwurfstelle festzulegen. Die neue Abwurflinie bildet mit der Peillinie einen rechten Winkel zur Wurfbahn. Die Peilpunktregelung sorgt bei vielen Boßlern immer wieder für Unverständnis und Diskussionen.

Annika SchmidtVolontärin

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