Münster /Jever Als Kind war ich kein Freund langer Spaziergänge oder Wanderungen – obwohl ich schon immer ein Naturmensch war. Es war mir einfach zu langweilig, stundenlang ohne Ziel durch den Wald zu laufen. Ein paar Mal waren wir im Thüringer Wald unterwegs, wo die Familie Urlaub machte. Der Proviant, den Oma eingepackt hatte, machte das Unterfangen erträglicher, und auch die Begleitung durch Danny, den Sennenhund meiner Großeltern, hob bei meinem Bruder und mir die Stimmung. Doch richtig Spaß empfand ich nie bei unseren Zwangsausflügen.

Inzwischen kann ich mit Fug und Recht behaupten, dass stundenlange Wanderungen oder Spaziergänge im Sonnenuntergang für mich zu den schönsten Aktivitäten zählen, die ich kenne. Ja, ich laufe sogar in meinem Urlaub gerne sieben Stunden mit Gleichgesinnten durch die Alpen, um danach drei Tage lang kaum noch gehen zu können. Das nehme ich auf mich für die atemberaubendsten Ausblicke, die es gibt. Wie kam es zu dieser Kehrtwende?

Sie passierte, als ich ungefähr 17 Jahre alt war. Damals nahm ich mit meinem Pferd Wiona, einer wunderschönen westfälischen Fuchsstute, an der Kreismeisterschaft im Vierkampf in Seppenrade in Nordrhein-Westfalen teil. Reiten gehört seit meinem sechsten Geburtstag zu meinem Leben einfach dazu.

Von vier Hufen auf zwei Beine

Ein Vierkampf besteht aus Schwimmen, Laufen sowie Dressur- und Springreiten. Da ich zwar begeisterte Dressurreiterin war und immer noch bin, aber an keiner der drei anderen Sportarten sonderlich interessiert war, musste ich fleißig trainieren.

Zweimal Dressurtraining, einmal Springtraining, einmal Schwimmtraining und zweimal Lauftraining standen auf dem Plan. Schnell fand ich Gefallen daran, mit meinen Mannschaftskollegen vom Reitverein durch den Wald zu laufen. Es machte mir irgendwann sogar großen Spaß und ich wurde immer besser. Fortan wurde Laufen ein Teil meines Lebens. Nicht regelmäßig, aber doch hin und wieder schnürte ich meine Schuhe und lief eine Runde durch den Wald. Erst sechs Jahre später sollte sich das Laufen für mich zu einer richtigen Leidenschaft entwickeln.

2016, während meines Studiums in Köln, überredete mich eine Freundin, mit ihr an einem Zehn-Kilometer-Lauf teilzunehmen. Ich habe schon immer gerne neue Dinge ausprobiert, auch spontan, und so meldete ich mich eine Woche vorher an. In dieser Woche machte ich wohl alles falsch, was ein Laufanfänger nur falsch machen kann. Ich ging sofort jeden Tag laufen, und das mit alten, abgenutzten Schuhen, denn andere hatte ich nicht. Ich empfehle jedem, der so etwas zum ersten Mal macht, anders anzufangen.

Doch mein Plan ging auf, ich schaffte die zehn Kilometer in der Rheinaue in Bonn. Danach war ich fix und fertig, doch noch im selben Jahr lief ich meinen ersten Halbmarathon. Ich wurde süchtig nach Wettkämpfen und fand mehr und mehr Gefallen daran.

Eine Freundin lud mich eines Tages zu sich ins Allgäu ein. Sie fuhr mit mir in die Berge und ich bestieg mit ihr zusammen meinen ersten Zweitausender. Nie zuvor war ich in den Bergen gewesen, geschweige denn ganz oben. Es waren unvergessliche Augenblicke. Von da an machten mir stundenlange Wanderungen nichts mehr aus. Ganz im Gegenteil, ich liebe sie.

Neben dem Reiten sollte nun das Laufen zu meinem zweiten großen Hobby werden. 2017 nahm ich an meinem ersten Traillauf teil, und der hatte es in sich. Traillaufen nennt sich das Laufen auf unbefestigten Wegen, hauptsächlich in Wäldern, auf Feldern oder in den Bergen. Klein anfangen war nicht so mein Motto. Ich meldete mich direkt für einen Traillauf am Matterhorn in Zermatt an.

Vom befestigten Weg abgekommen

In der Schweiz war ich nie zuvor gewesen. Ich komme aus dem Flachland, bin in Münster aufgewachsen. Knapp 20 Kilometer galt es zu bewältigen, mit insgesamt 1200 Höhenmetern. Während der ersten acht Kilometer, die steil bergauf gingen, stellte ich mir ständig die Frage, warum ich das tue. Eine gescheite Antwort fand ich erst, als ich an der höchsten Stelle der Strecke angekommen war. Der Ausblick, der sich mir bot, die Sonne im Gesicht und die Kühe mit den riesigen Glocken um mich herum – das war einfach traumhaft.

Nach vier Stunden überquerte ich die Ziellinie. Ich war eine der letzten, aber das war mir egal. Ich hatte es geschafft und tolle Momente erlebt. Seit diesem Tag nehme ich jedes Jahr an Trailläufen teil und plane meinen Urlaub danach.

Nicht immer muss es dabei in die Schweiz gehen, oftmals reicht auch ein Trip in deutsche Gebirge. So verschlug es mich 2018 zusammen mit einer guten Freundin nach Heidelberg zum Gelita Trail Marathon. Gemeinsam starteten wir dort über 30 Kilometer. Dieser Lauf verlangte mir alles ab. Ich kämpfte mit dem ersten Anstieg, stürzte und verletzte mich am Knie, und doch schaffte ich es ins Ziel. Die Emotionen beim Überqueren der Ziellinie werde ich nie vergessen. Tränenüberströmt fiel ich meiner Freundin in die Arme, es waren Tränen der Freude gemischt mit einem Nichtwahrhabenwollen, dass ich es tatsächlich geschafft hatte. Aber da ich ein Mensch bin, der immer noch eine Schippe drauf legen möchte, plante ich kurz danach schon meinen nächsten Wettkampf – das Trailfieber hatte mich gepackt.

Ein Rennen wird im Kopf entschieden

Im vergangenen Jahr bestritt ich dann zusammen mit einer Freundin meinen ersten Etappenlauf beim Run2. Dort galt es, als Team an zwei Tagen gut 70 Kilometer und über 4000 Höhenmeter in den bayrischen Alpen zu absolvieren. Leider musste ich den ersten Tag nach knapp neun Kilometern abbrechen. Unter Trailläufern hört man oft den Satz, der Großteil des Rennens werde im Kopf entschieden. An diesem Tag verstand ich, was das bedeutete. Abends im Hotelzimmer baute mich meine Teampartnerin Marie wieder auf, sprach mir gut zu. Es half.

Am zweiten Tag lief es wieder und ich absolvierte die kompletten 30 Kilometer mit 2300 Höhenmetern ohne große Probleme. Nach sieben Stunden, einer Grenzüberquerung und einem wunderschönen Tag in den Bergen erreichte ich überglücklich und komplett erschöpft das Ziel in St. Anton am Arlberg. Zusammen mit Marie genoss ich ein Bad im See des Dorfes. Wie gut das unseren Füßen tat. Noch am selben Abend ging es zurück nach München. Diesmal aber mit mehr Gepäck als vorher, denn wir hatten jetzt einen Rucksack voller schöner, einzigartiger Erinnerungen und das Wissen, dass der Glaube an sich selbst Berge versetzen kann.

Für mich sind Wanderungen oder Trailläufe Entspannung pur und immer auch Abenteuer, die mein Leben bereichern. Wenn man das über sein Hobby sagen kann, dann ist es wohl genau das Richtige. Egal wie gut oder schlecht man darin sein mag.

Annika SchmidtVolontärin

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