Heidmühle Jörg Lücht sitzt in seiner Küche und blättert in alten Zeitungsartikeln. Viele sind vergilbt. Die aktive Karriere hat der 58-Jährige schon vor langer Zeit beendet. „Ich habe ihn hier irgendwo“, murmelt er und wird schließlich auch fündig. „Jörg Lücht beim 4:1 in Bombenform“, prangt in fetten Lettern auf der Seite. „Drei Tore habe ich da in zwei Minuten gegen Einswarden erzielt. Damit habe ich es im Wochenblatt auf die Titelseite sogar über Breschnew geschafft“. 1973 war das, mitten im Kalten Krieg. Dem lupenreinen Hattrick ließ Lücht in diesem Spiel sogar noch einen vierten Treffer folgen. Die Zeitung lobte den „stämmigen“ Mittelstürmer tags darauf nach allen Regeln der Kunst. Die Zuschauer am Spielfeldrand wunderten sich, warum der Trainer diesen Wunderknaben erst so spät eingewechselt hatte.

Heute schwelgt Lücht aber nicht nur gerne in Erinnerungen an seine Fußballerzeit. Auch als Trainer hat er scheinbar einiges richtig gemacht. Denn zwei seiner Jugendkicker haben den Sprung in die höchste Spielklasse geschafft: Sebastian Polter und Kai Pröger. Der eine spielt (noch) für die „Eisernen“ in Berlin, der andere hat erst im vergangenen Jahr seinen Vertrag beim SC Paderborn verlängert. Beide begannen ihre Fußballerkarriere beim Heidmühler FC. „Nicht schlecht für unseren Dorfverein“, sagt Lücht und grinst.

Zwei Autogrammkarten stehen auf dem Rücken der Küchensitzbank. „Kai schickt mir immer seine aktuelle Karte. Früher ging er ja bei uns ein und aus. Ich weiß noch genau, wie er hier bei uns in der Küche gesessen hat“, erinnert sich der 58-Jährige zurück. Sein Sohn Steffen ist eng befreundet mit dem Bundesliga-Profi. Auch Jörg Lücht hält nach wie vor Kontakt zu dem Paderborner Publikumsliebling. „Das geht ja alles über Whatsapp“, erklärt der 58-Jährige und deutet dabei ein paar Tippbewegungen an.

Keine Luxusvilla, kein Protzauto in der Einfahrt

Ein paar Monate ist es her, Corona war noch ein weit entferntes, diffuses Thema, das irgendwo in China stattfand, da stand Jörg Lücht in der Benteler-Arena in Paderborn. Der SC hatte am 14. Dezember Union zu Gast. Der Schortenser war von Kai Pröger zum Spiel eingeladen worden. „Vorher habe ich mit seiner Freundin noch Tee in Kais Wohnung getrunken, bevor wir ins Stadion gefahren sind“, erinnert er sich zurück. Pröger lebt in Paderborn in einer Wohnung – keine Luxusvilla, kein Protzauto in der Einfahrt. „Das mag ich an Kai. Er ist bodenständig geblieben“, sagt Lücht. Nach der Begegnung, in der Pröger in der 33. Minute zum 1:1-Endstand traf, fuhren alle im Corsa des Paares nach Hause. Im Stadion hatte es noch zu einem kurzen „Hallo“ und einem gemeinsamen Foto mit Sebastian Polter gereicht. Der hatte sein Dasein über die gesamten 90 Minuten auf der Bank gefristet. „Es war grandios, seine Jugendspieler in der Bundesliga zu sehen“, erzählt Lücht. Der 58-Jährige war zusammen mit Kai Hellwig Polters erster Coach. „Damals stand Sebastian ja noch im Tor. Es ist aber nicht so, dass ich mir auf die Schulter klopfe und sage, dass ich dafür gesorgt habe, dass er in der Bundesliga spielt.“

Dort besucht hat er ihn trotzdem. Während einer Dienstreise nach Mainz vor ein paar Jahren schaute Lücht beim Training des FSV vorbei. Polter erkannte seinen Jugendcoach auf der Stelle, musste aber mit einer Begrüßung noch bis zum Ende der Einheit warten. „Er kam sofort zu mir an die Bande und winkte auch seinen Cheftrainer heran. „,Hey Trainer, das war mein erster Trainer’“, hat er gerufen“, erzählt Lücht. „Tja und dann kam der Tuchel auch direkt an – und die Bild-Zeitung.“ So schaffte es Lücht in die Mainzer Regionalausgabe des Boulevardblatts. Diesen Zeitungsausschnitt sucht man auf seinem Küchentisch allerdings vergeblich. Den Artikel gab es für ihn nur per E-Mail vom Redakteur.

Thomas BrevesLeitung Sportredaktion

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