Jever Das Wanderfalkenpaar, das in luftiger Höhe von 65 Metern auf dem Fernmeldeturm an der Anton-Günther-Straße horstet, hat in diesem Jahr mindestens drei Jungvögel erbrütet – und die sind in den letzten Tagen flügge geworden. Ganz ohne Probleme lief das aber nicht ab. Auch das Fliegen will gelernt sein und so üben die Jungen lange, mit den Flügeln zu schlagen, bevor sie zu ihrem ersten Flug starten. Bei solchen Versuchen wurde wohl ein Jungfalke in der Woche vor Pfingsten vom Turm geweht und landete in einem Garten an der Mühlenstraße.

Hier wäre er sicher von seinen Eltern nicht mehr weiter versorgt worden und so handelte die Besitzerin des Gartens völlig richtig, als sie den Vogel aufnahm und zur Wildtierauffangstation in Rastede brachte. Dort wurde er untersucht und gut versorgt, doch auf Dauer sollte er hier nicht bleiben, denn die wichtige Rolle, die die Vogeleltern für die Jungen bei der Vorbereitung auf ein Leben in Freiheit spielen, können die Betreuer in der Station kaum einnehmen. So trainieren zum Beispiel die Altvögel mit den Jungen das Ergreifen von Beute im Fluge.

Dem Wanderfalkenpaar ein Adoptivkind unterschieben

So kamen Klaus Meyer, der Leiter der Station in Rastede, und Franz-Otto Müller, der Leiter des Arbeitskreises Wanderfalkenschutz Nordseeküste (AWN), überein, den Vogel nach Jever zurück zu transportieren und zu versuchen, ihn wieder bei den Eltern unterzubringen. Da der Turm von Nichtberechtigten nicht bestiegen werden darf, wurde nach Rücksprache mit der Telekom bzw. der Strabag, die für die Gebäude zuständig sind, beschlossen, ihn auf dem Flachdach des Betriebsgebäudes auszusetzen in der Hoffnung, dass er dann wieder in Kontakt mit seinen Eltern kommt.

So erschienen Klaus Meyer und Franz-Otto-Müller am Pfingstsamstagvormittag und brachten gleich noch einen zweiten jungen Wanderfalken mit, dem in Delmenhorst ein ähnliches Malheur widerfahren war. Dort waren die Möglichkeiten zur Wiederaussetzung schlechter und so sollte auch dieser Vogel dem Wanderfalkenpaar in Jever als eine Art ‚Adoptivkind‘ zur Betreuung untergeschoben werden.

Mit dazu stießen Susanne Homma und Olaf Geiter aus Schortens, die als ehrenamtliche Vogelberinger tätig sind, denn die Chance sollte nicht vertan werden, die beiden jungen Wanderfalken zu markieren und so möglicherweise Aufschluss über ihre weitere Lebensentwicklung zu bekommen.

Verletzter Turmfalke wurde zur Auffangstation gebracht

Nacheinander wurden die beiden Jungfalken beringt und auf dem Dach ausgesetzt. Der etwas ältere und inzwischen schon mit kräftiger Flugmuskulatur ausgestattete Vogel aus Jever flog sogleich weiter und setzte sich auf einem Gebäudevorsprung des Mariengymnasiums nieder. Nachmittags konnte dann beobachtet werden, dass er sich schon hoch auf dem Turm aufhielt und zusammen mit seinen beiden Geschwistern von den Altvögeln betreut wurde. Es ist zu hoffen, dass auch der Delmenhorster Falke inzwischen diesen Familienanschluss gefunden hat.

Fast zur gleichen Zeit sind übrigens auch die jungen Turmfalken, die in dem Kasten am Turm der Stadtkirche erbrütet worden sind, in der Phase des Flüggewerdens. Auch von diesen geriet am Sonntag ein Vogel bei seinen ersten Flugversuchen auf den Boden. Er wurde an einer geschützten Stelle auf dem Kirchplatz belassen, weil davon auszugehen ist, dass er von seinen Eltern weiter versorgt wird. Wie der Polizeibericht meldet, war schon am Vortag ein junger Turmfalke aus dem gleichen Nistkasten am Kirchplatz aufgefunden worden. Da dieses Tier sich verletzt hatte, wurde es in die Wildtierauffangstation Rastede gebracht.

Beide in Jever brütenden Falkenarten zeigen ein ganz unterschiedliches Jagdverhalten. Während der kleinere Turmfalke sich hauptsächlich von Mäusen ernährt, nach denen er in der Luft im Rüttelflug stehend Ausschau hält, ist der Wanderfalke ein schneidiger Luftjäger, der seine Beute fast ausschließlich im Flug schlägt. Dazu können Vögel wie Amsel und Tauben gehören, manchmal sogar selbst ein Turmfalke.

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