Friesland /Wilhelmshaven Der typische Geruch von Waffeln, Berlinern, Crèpes, Champignons in Knoblauchsoße oder Zuckerwatte bleibt aus. Auch die typische, durch zahlreiche Effekte und Echos verzerrte Stimme, die in regelmäßigen Abständen „eine neue Runde, eine neue Runde“ ruft, bleibt derzeit stumm. Der Grund ist relativ einfach. Das Coronavirus sorgt dafür, dass die Schausteller, die sonst mit ihrer bunten Welt aus Schießbuden, Fahrgeschäften und Grill- sowie Getränkeständen dafür sorgen, dass wir unserem Alltag für einen kurzen Augenblick entfliehen, viel mehr damit beschäftigt sind, Anträge auf staatliche Zuschüsse zu stellen. Denn den Schaustellern fehlen die Einnahmen durch die eigentlich jetzt stattfindenden Frühlingsfeste. Sie haben quasi Berufsverbot.

So wie Carsten Janßen. Der Vareler betreibt ein Kettenkarussell, eine Angelbude für Kinder und das „Alpenhaus“. Normalerweise hätte für ihn und seine Kollegen am letzten Märzwochenende die Saison starten sollen. „Aber das Frühlingsfest am Sportforum Wilhelmshaven wurde abgesagt“, so Janßen. Sowie zahlreiche andere Fest, wo er seine Fahrgeschäfte aufgebaut hätte. Ostermarkt in Norddeich – abgesagt, Osterfeuer am Bantersee in Wilhelmshaven – abgesagt, Osterfest in Horumersiel – abgesagt, Osterwiese in Bremen – abgesagt. Die Absagen treffen Schausteller wie Carsten Janßen schwer. „Wir würden jetzt unser Geld verdienen. Das Geld, das wir im vergangenen Jahr eingenommen haben, haben wir in den vergangenen drei Monaten für Reparatur- und Renovierungsarbeiten ausgegeben.“

Wie soll man Kredite ohne Einnahmen abbezahlen?

Ähnliches berichtet Thilo Janßen. Er wohnt mit seiner Familie in Rastede, betreibt zwei Riesenräder und die Achterbahn „Crazy Mouse“ und das Landerlebnis Westerstede. Auch er wäre eigentlich zum Frühlingsfest in Wilhelmshaven gewesen. „Wir haben gerade erst 1,9 Millionen Euro in ein neues Riesenrad investiert. Die Kredite wollen abbezahlt werden. Aber wie soll das gehen ohne Einnahmen?“ Für zwei Monate könne man einen Kredit schon mal einfrieren lassen, aber dann will auch die Bank ihr Geld sehen. „Wenn diese Situation bis in den Herbst dauert, können wir dicht machen“, so Thilo Janßens Befürchtung.

Es sind Existenzängste, die die Schausteller umtreiben. Keiner weiß, wie es nach dem 19. April weiter geht. So lange nämlich gilt vorerst die Verordnung des Landes Niedersachsen. „Wir sind aber nicht so blauäugig, dass wir glauben, danach ist alles gut“, sagt René Janßen. So seien bereits Veranstaltungen im Juni, wie das Rüstersieler Hafenfest zur 500 Jahresfeier des Wilhelmshavener Ortsteils abgesagt worden.

Keine Halle, um den Stand unterzubringen

Die Sorgen treffen dabei große wie kleine Schausteller. Angela Rohlfs aus Varel betreibt einen Crèpestand. „Gerade bei dem guten Wetter der letzten Tage blutet einem als Schausteller das Herz.“ Denn gutes Wetter heißt viele Besucher also viele Einnahmen. Rohlfs steht vor dem Problem, dass sie für ihren drei mal fünf Meter großen Stand keine eigene Halle hat. „Ich miete immer für drei Monate. Jetzt, muss ich das verlängern, was natürlich wieder mehr kostet.“ Auch ihre Ware, die sie bereits gekauft hat, steht nun erstmal nutzlos im Kühlschrank. „Während die Leute Klopapier hamstern, habe ich das mit Nutella getan, aber aus rein beruflichen Gründen natürlich“, sagt Rohlfs mit einem leichten Schmunzeln. Man müsse sich den Humor trotz Krise noch erhalten.

In der Zeit ohne Frühlingsmärkte ist für die Schausteller jetzt Kreativität gefragt, um zumindest einigermaßen über die Runden zu kommen. René und Thilo Janßen zumindest schauen, ob sie anderweitig Arbeit finden. „Spargelhelfer werden ja derzeit viele gesucht“, meinen die beiden. Den Verdienst aus den Frühlingsmärkten könne das aber natürlich nicht auffangen.

Aufgeben kommt für die Schausteller nicht in Frage

Auch wenn es den Schaustellern derzeit alles andere als gut geht, aufgeben kommt für die beiden Janßens und Angela Rohlfs nicht in Frage. Im Gegenteil. Die Schausteller haben selbst einige Aktionen ins Leben gerufen. So bieten sie ihre Zugmaschinen und Kräne an, sollte die Feuerwehr bei Unfällen beispielsweise an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen. Schausteller mit Konzertorgeln fahren mit ihren fahrbaren Musikinstrumenten zu Altenheimen, spielten dort und verteilen kostenlos Lebkuchenherzen.

Die meisten Schausteller leben von der Hoffnung, dass die Krise bald vorbei ist. „Und eines ist ganz klar“, betont René Janßen. „Wenn es wieder los geht, freuen wir uns, wieder Spaß und Vergnügen mit den Volksfesten in unserer Region und unseren Buden zu bereiten.“

Sebastian UrbanczykFrieslandredaktion

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