Friesland /Ostfriesland Frage: Was macht für Sie den Boßelsport reizvoller als Fußball?
Jan Dirk Vogts: Fußball und Boßeln sind beide reizvoll. Nur Fußball kann man nur über einen ganz begrenzten Zeitraum spielen. Von der Jugend angefangen bis Mitte 30, dann ist es mit dem Leistungssport vorbei. Das ist beim Boßeln komplett anders. Schon wenn kleine Kinder wissen, dass eine Kugel rollt, kann es bei uns losgehen. Bis hin ins hohe Alter kann man diesen Sport betreiben – auch leistungsmäßig immer dem Alter angepasst. Wir haben diesbezüglich auch eine ganze Menge Angebote für die einzelnen Altersklassen. So gibt es natürlich einen ganz anderen Zeithorizont, den Sport zu betreiben. Wenn ich beim Boßeln viel Trainingsfleiß und Herzblut reinstecke, kann ich hier auch etwas erreichen bis hin zu Europameisterschaften.

Regionales Phänomen

Frage: Wenn der Boßelsport doch so vielseitige Möglichkeiten bietet, wie erklären Sie sich, dass er doch ein eher regionales Phänomen geblieben ist?
Vogts: Der Sport ist landschaftlich an die Menschen in Nordwest-Deutschland und Schleswig-Holstein gebunden. Selbst in Irland gibt es Boßeln nur im Raum um Cork herum. Es ist lokal begrenzt. Es gab Versuche, in Berlin und München Boßelclubs und Vereine zu gründen. Das ist letztlich daran gescheitert, dass viele dort nicht den richtigen Bezug zu diesem Sport haben. Man braucht gewachsenen Strukturen. Diese an anderer Stelle aufzubauen, ist nicht einfach. Das haben wir jetzt bei den Deutschen Meisterschaften gesehen. In Nordhorn und Nordrhein-Westfalen läuft es aus. Dort gibt es keinen Nachwuchs, weil sich die Boßler in den Sportgemeinschaften nicht richtig etablieren können.

Tradition macht den Sport aus

Frage: Tradition und Kultur ist gerade im Boßelsport sehr wichtig. Das ist auch in der Satzung des FKV entsprechend festgehalten. Ist das vielleicht auch ein Hemmschuh?
Vogts: Nein, es ist eher das, was den Sport ausmacht. Wir sind die letzte Bastion, wo aktiv Plattdeutsch gesprochen wird. Das muss auch weiterhin gepflegt werden. Im öffentlichen Leben wird es immer weniger. Es ist für uns Aufgabe und Verpflichtung.

Klischees im Boßelsport

Frage: Man hört immer wieder gängige Klischees, die dem Boßelsport anhaften. Boßeln wird mit einer Bollerwagen-Tour und dem Genuss von reichlich Alkohol in Verbindung gebracht und vieles mehr. Der Friesensport wird gar nicht wirklich als Sport wahrgenommen. Wie sehr nervt das?
Vogts: Es ist sehr ärgerlich, das muss ich ganz ehrlich sagen. Es wird der Sache und den Menschen nicht gerecht. Das liegt aber daran, das Boßeln landauf, landab gerne auch als Event verkauft wird. Wir wehren uns dagegen, und in manchen Landkreisen sind solche Boßeltouren auch schon gar nicht mehr erlaubt. Diese Art der Freizeitbeschäftigung ist nicht ungefährlich. Da wird Alkohol getrunken, das hat mit Sport nichts zu tun und ist nur eine Belustigung. Wer sowas heute machen möchte, der braucht eine Genehmigung. Wenn es Leute gibt, die Boßeln ernsthaft betreiben wollen, sind wir die letzten, die sich dem verweigern. Aber auch wir brauchen eine Genehmigung und die Boßlersportler dürfen keinen Alkohol trinken. Wenn das außer Acht gelassen wird, dann geschehen Dinge wie im Emsland (2019 raste dort ein Auto in eine Boßel-Gruppe. Mehrere Personen wurden zum Teil schwer verletzt, Anm. der Redaktion). Unser Sport ist nicht gefährlich. Gefährlich ist, was diese Freizeitboßler machen, die mit Bollerwagen umher ziehen. Wir werden leider immer mit denen verglichen. Wer sich jedoch die Mühe macht, diesen Sport zu betreiben und dabei gewisse Leistungen erzielen will, der wird merken, dass er nicht so einfach ist.

Interesse durch Touristen

Frage: Die Nordseeküste ist ein für Touristen attraktiver Anziehungspunkt. Wenn dann an den Wochenenden der Boßelsport stattfindet, fahren die Urlauber auf den Straßen und wissen gar nicht, was hier geschieht. Müssen die Sportler viel erklären, was sie da gerade treiben?
Vogts: Leuten, die aus dem Ruhrgebiet und weiter weg kommen, müssen wir tatsächlich hin und wieder einiges erklären, aber in der Regel finden diejenigen, die anhalten und nachfragen, es bewundernswert, dass Boßeln als Amateur- und Familiensport der Dörfer wirklich ernsthaft betreiben werden kann. Aber das verkaufen wir leider auch zu wenig. Unseren Sport kann wirklich jeder betreiben. Jeder kann sich auch im Verein engagieren. Wenn ich mir das beispielsweise beim Fußball anschaue, dann ist das da nicht so. Beispiel Jeddeloh im Ammerland. Das ist Kommerz. Da ist das Ehrenamt schon nicht mehr so gefragt, dort soll Geld verdient werden. Das ist aber nicht nachhaltig. Wir wollen in den Dörfern und Familien den Zusammenhalt fördern. Das gibt es so in dieser Form bei anderen Sportarten nicht immer. Da spitzen die Leute die anhalten und nachfragen schon die Ohren.

Jugendarbeit ist besonders wichtig

Frage: Die Jugendförderung stellt euch, genau wie andere Sportarten auch, vor große Herausforderungen. Wie unterstützt der FKV die Vereine und was kann er vielleicht auch besser machen?
Vogts: Man muss vieles einfach anders anfangen. Wir predigen da aber manchmal gegen Wände. Wir haben das Problem, dass wir kein ausgeprägtes Lehrsystem haben. Vor 20, 30 Jahren brauchten wir das auch noch nicht. Es gab genug Leute in den Dörfern, die von Boßeln und Klootschießen Ahnung hatten. Diese Generation ist mittlerweile nicht mehr da. Die nachfolgende Generation hat vieles nur noch bruchstückhaft mit auf den Weg bekommen. Hinzu kommt, dass die Vorbilder fehlen. Der Fußball hat seine Ronaldos und Messis. Welches Kind oder welcher Jugendliche sieht denn aber mal einen Klootschießer. Einen Ronaldo oder Messi werde ich persönlich aber in meinem Leben nicht begegnen. Aber die Kinder schauen sich die Klootschießer auch nicht auf dem Platz an. Wir waren früher gezwungen, weil wir mit unseren Vätern zum Klootschießen gefahren sind. Dann mussten wir von 13 bis 17 Uhr da bleiben. Da kriegten wir alles mit. Wenn wir etwas erreichen wollen, dann brauchen wir mehr Betreuer, die die Jugendlichen vernünftig ausbilden. Wir können leider kein Trainersystem aufbauen, wie im Fußball, denn dort wird Geld bezahlt. Das ist nur auf Leistung ausgelegt. Da fallen aber viele Jugendliche am Ende herunter.

Die Zukunft der Europameisterschaften

Frage: Wenn man einen Blick auf Deutsche und Europameisterschaften wirft, dann wird es angesichts sinkender Mitgliedzahlen sicherlich schwierig, diese Wettbewerbe zu halten?
Vogts: Man muss immer wieder Leute in den Vorständen finden, die das mit Leben füllen. Ein Boßelobmann im FKV ist ja nicht dafür zuständig, auszubilden. Der muss organisieren. Ein Fußball-Bundestrainer kann auch nicht ausbilden. Die Spieler müssen schon noch aus den Vereinen kommen. Dafür sind die Landes- und Kreisverbände gefragt. Das ist eine Sisyphos-Arbeit. Wenn wir in meinem Heimatverein nicht einen guten Jugendwart hätten, der sich jahrein, jahraus um die Jugendarbeit kümmert, dann hätten wir schon lange keinen Boßelverein mehr.

Der Boßelsport in zehn Jahren

Frage: Wenn Sie einen Blick in die Zukunft wagen würden, wo sehen Sie den Boßelsport in zehn Jahren?
Vogts: Wir könnten uns in zehn Jahren auf hohem Niveau wiedersehen, wenn bestimmte Dinge, die ich beschrieben habe, verinnerlicht werden, oder wir werden noch weiter abgleiten. Einerseits ist diese Corona-Krise etwas sehr Schlimmes. Auf der anderen Seite hoffe ich ja, dass sich die Leute ein wenig besinnen und das Wesentliche sehen. In meinem Bekanntenkreis haben die Menschen Freizeitstress. Aber was gibt es Schöneres, als wenn ich meinen Verein habe, wo ich hingehen und abschalten kann. Wenn ich beruflich Stress habe, dann brauche ich den doch nicht auch noch in meiner Freizeit. Und dann leite ich meine Kinder oder meine Enkel auch dazu an, im Verein mitzumachen. Unser Sport ist einzigartig. Hier können Alt und Jung zusammenboßeln, wir sind eine Brücke zwischen den Generationen. Das habe ich immer so empfunden. Wenn wir unsere Möglichkeiten ausschöpfen, wenn wir unsere Lehraufgaben erfüllen, dann haben wir durchaus eine vernünftige Chance für die Zukunft.

Thomas BrevesLeitung Sportredaktion

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