Frage: Dieter Koopmann, die Halbfinal-Spiele bei der Handball-Europameisterschaft finden ohne deutsche Beteiligung statt. Morgen spielt die DHB-Auswahl gegen Portugal um Platz 5. Eine Enttäuschung?
Dieter Koopmann: Natürlich ist man enttäuscht, weil der Sieg über Kroatien und damit auch der Einzug ins Halbfinale greifbar nah waren. Aber es gab gute Gründe, warum es nicht ganz erreicht hat. Die sollte man nun ganz sachlich analysieren und dabei schön auf dem Teppich bleiben.
Frage: Bundestrainer Christian Prokop ist vor allem in den Medien nach wie vor umstritten. Inwieweit trägt er eine Mitschuld am Halbfinal-Aus?
Koopmann: Um es klar zu sagen: Aus meiner Sicht trifft den Bundestrainer keine Schuld. Die Mannschaft war fit, gut auf jeden Gegner vorbereitet und ist in jedem Spiel hochmotiviert zu Werke gegangen – gegen Spanien vielleicht sogar etwas zu motiviert. Alles Bereiche, die ein Trainer beeinflussen kann. Und genau das hat Christian Prokop auch getan. Er stand medial unter maximalem Druck und hat seine Sache gut gemacht.
Frage: Woran lag es dann?
Koopmann : Wir sind gut beraten, wenn wir vor einer EM oder einer WM nicht allzu große Brötchen backen. Als die DHB-Auswahl 2016 in Polen mit einer No-Name-Truppe überraschend Europameister geworden ist, hatte uns keine große Nation auf dem Zettel. Das hat sich in den letzten Jahren grundsätzlich geändert. Nur weil wir uns für ein großes Turnier qualifiziert haben, heißt das nicht automatisch, dass wir auch gewinnen oder eine Medaille holen müssen. Wir sind schließlich nicht beim Fußball, das sollte sich der ein oder andere Journalist mal zu Herzen nehmen. Um Welt- oder Europameister zu werden, muss einfach alles passen.
Frage: Was hat konkret nicht gepasst?
Koopmann: Zunächst einmal darf man nicht vergessen, dass Prokop aus unterschiedlichen Gründen auf insgesamt sieben Spieler verzichten musste, die alle Schlüsselpositionen besetzt hätten. Dadurch fehlten (speziell auf den Halbpositionen im Rückraum) Alternativen, die bei so einem Turnier, wo du jeden zweiten Tag spielen musst, unheimlich wichtig sind. Und zweitens hat der ein oder andere Spieler in entscheidenden Situationen nicht seine beste Leistung gebracht, was auf höchstem Niveau – wie im Spiel gegen die Kroaten – natürlich bestraft wird.
Frage: Vielleicht noch ein Wort zu den Schiedsrichtern beim Kroatien-Spiel?
Koopmann: 50 Minuten lang gut, in der entscheidenden Phase aber mit vielen Pfiffen gegen die deutsche Mannschaft, über die man zumindest diskutieren kann. Die zwei Minuten gegen Pekeler kurz vor Schluss waren aus meiner Sicht ein Witz. So etwas pfeift man einfach nicht, das war spielentscheidend.
Frage: Vor diesem Hintergrund: Wie sehen Sie die Kritik des früheren Welthandballers Daniel Stephan? Für ihn trägt der Trainer die Hauptschuld am Halbfinal-Aus....
Koopmann: Ich kann das ehrlich gesagt überhaupt nicht nachvollziehen. Daniel Stephan war unbestritten ein guter Handballer. Aber: mehr auch nicht. Er hat nach seinem Karriereende nie irgendwo die sportliche Verantwortung übernommen und sollte sich deshalb vielleicht eher zurückhalten. Sachliche Kritik ist immer wichtig – es kommt aber auf die Art und Weise an.
Frage: Stephan sieht auch in der Mannschaft eher Stagnation als Entwicklung. Sie haben drei deutsche Spiele bei der EM live gesehen. Sind Sie seiner Meinung?
Koopmann: Auch diese Ansicht teile ich nicht. Ich sehe die DHB-Auswahl weiter auf einem guten Weg – auch mit Blick auf die Olympischen Spiele in Tokio und das Qualifikations-Turnier im April. Mit voller Kapelle werden wir auch dort eine gute Rolle spielen – mit Trainer Christian Prokop auf der Bank.
Frage: Wer wird Europameister?
Koopmann: Norwegen!

Carsten ConradsSportredaktion

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