Illinois /Jever Ich lebe und arbeite mit meinem Mann Paul, meiner zweijährigen Tochter Emmeline und unseren beiden Katzen Frieda und Earl seit fünf Jahren in der kleinen Universitätsstadt Charleston, Illinois. Mit circa 21 000 Einwohnern liegt Charleston drei Autostunden südlich von Chicago und zwei Autostunden östlich von St. Louis.

Vieles überrascht einen ja nicht mehr, was Donald Trump angeht. Dennoch verfolgten wir mit Entsetzen, wie unser Präsident noch Ende Februar Covid-19 einen „Scherz“ nannte, den seine politischen Gegner erfunden hätten, um ihm politisch zu schaden. Glücklicherweise ist in den USA der Föderalismus noch weiter ausgeprägt als in Deutschland, sodass die Entscheidungen und das Krisenmanagement des Ministerpräsidenten von Illinois, Governor J. B. Pritzker, sowie der lokalen Behörden wesentlich relevanter für unseren Alltag und unsere Sicherheit sind. Am 9. März rief Governor Pritzker trotz noch relativ geringer Fallzahlen den Notstand aus. Kurz darauf waren wir einer der ersten Bundesstaaten, der alle Kindergärten, Schulen, Restaurants und Kneipen schloss, und seit dem 20. März gilt momentan bis zum 30. April eine „Shelter-in-Place-Order“. Ähnlich wie in Jever, sind wir also angehalten, zu Hause zu bleiben, um die Verbreitung von Covid-19 zu verlangsamen und den Krankenhäusern mehr Zeit zu geben, ihre Kapazitäten auszubauen.

Obwohl die Fälle in den USA in den jüngsten Tagen auf mehr als 300 000 dramatisch gestiegen sind, gibt es in unserem Landkreis Coles County bisher nur drei positive Tests (Stand: 3. April).

Das Leben hat sich natürlich trotzdem spürbar geändert. Da nicht allen Arbeitnehmern Kündigungsschutz und bezahlte Krankentage zustehen, haben viele Mitbürger bereits ihren Arbeitsplatz verloren oder aufgrund fehlender Kinderbetreuung kündigen müssen. Die Leistungen der staatlichen Arbeitslosenversicherung wurden zwar sofort erhöht und verlängert, aber die Anfragen waren in der ersten Woche so zahlreich, dass das Onlinesystem der Landesbehörde erstmal zusammengebrochen ist. Wer das Glück hat, weiterhin zu arbeiten, steht nun vor der Herausforderung, dies plötzlich ohne Kinderbetreuung zu tun.

Während das öffentliche Leben weitgehend still steht, ist nach dem Motto „physical distance, social connectedness“ die Zivilgesellschaft sofort zusammengekommen. Auf Facebook wurde eine öffentliche Support-Group für unseren Landkreis gegründet, die mittlerweile schon über 5500 Mitglieder hat. Dort werden Informationen geteilt, Fehlinformationen korrigiert und Livekonzerte und Gottesdienste aus Wohnzimmern gesendet. Das Forum hat einen wertvollen Raum für alles geschaffen: von Tipps zum Unterrichten der Kinder, Grußbotschaften an Bewohner der Altenheime bis hin zu konkreten Hilferufen nach Essenslieferungen. Auch ein Nähkreis, der Masken für unser Krankenhaus herstellt, ist bereits daraus hervorgegangen.

Das Leben meiner Familie spielt sich nun komplett in unserem neuen Haus ab, für das wir – bevor alles schließen musste – am 17. März den Kauf abwickeln konnten. Zwar haben wir aufgrund der „Shelter-in-Place-Order“ viele Möbel in unserem alten Heim zurückgelassen, aber wir sind sehr froh, unsere Tochter nun auf einem großen Naturgrundstück auf dem Land gut bei Laune halten zu können. Die Einkäufe lassen wir uns einmal pro Woche vom Aldi im Ort liefern, wo es mittlerweile manchmal sogar wieder Toilettenpapier gibt.

Seit zwei Wochen arbeiten mein Mann und ich Vollzeit im Homeoffice und wechseln uns mit der Kinderbetreuung ab. Ich bin Professorin an der hiesigen Universität und Direktorin eines Studienganges. Wir unterrichten nun alle Seminare und Vorlesungen online, unser sonst lebhafter Campus ist leer. Onlinelehre ist für mich glücklicherweise nicht neu. Aber ich merke, dass meine Studierenden momentan berechtigte andere Sorgen haben. Neben der Angst vor dem Virus haben viele ihre Nebenjobs verloren und bangen um ihre berufliche Zukunft.

Natürlich mache ich mir auch Sorgen. Es ist nicht einfach, mit der Sorge um die Gesundheit meiner Eltern so weit entfernt zu leben und nicht zu wissen, wann es wieder ratsam sein wird, nach Deutschland zu fliegen. Unseren jährlichen Sommerbesuch haben wir auf Eis gelegt, und meine Mutter musste einen Frühjahrsbesuch absagen. Ohne Familie in der Nähe haben wir auch Angst, dass mein Mann und ich gleichzeitig krank werden und uns nicht um unsere Tochter kümmern können. Aber wir sind auch sehr dankbar für unsere momentan recht gute Arbeits- und Lebenssituation. Mit amerikanischem Optimismus hoffe ich sehr, dass ich in naher Zukunft meine Familie in Jever wieder in die Arme schließen, mit meiner Tochter im Schlosspark die Enten füttern und am Hooksieler Strand Sandburgen bauen kann.

Weitere Nachrichten:

Facebook | ALDI | Coronavirus

Ihre Meinung

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.